Die blauen Wölfe

Von  Elisabeth Kagermeier, München

In keiner europäischen Stadt leben so viele Uiguren wie in München. Sie sind froh, dass nun die ganze Welt über Chinas Lager weiß – frei fühlen können sie sich nicht.Von  Elisabeth Kagermeier, München 9. Dezember 2019, 20:32 Uhr563 Kommentare

Für diesen einen Abend sind sie blaue Wölfe. Nurrissam Ismailova steht lachend in einem glitzernden Kleid auf der Bühne, neben ihr der Musiker Artur Ilakhunov. Gemeinsam singen sie sein Lied Kök böre biz, “Blauer Wolf”, blau wie die uigurische Unabhängigkeitsfahne. Dieses Jahr wurde es zu einer Hymne der Exil-Uiguren, es handelt vom Wunsch nach Unabhängigkeit und von Zusammenhalt wie bei den Wölfen. Ismailova und Ilakhunov sind Uiguren, genauso wie viele im Publikum hier in einem Kulturzentrum im Münchner Norden. Mit Tränen in den Augen klatschen sie im Takt, Kinder tanzen umher, manche stimmen leise in den sich wiederholenden Ruf ein. Hum, hum, hum. Wie das schwache Echo eines Kampfrufs. “In diesem Moment hatte ich kurz das Gefühl, dass der Tag wirklich kommen wird, an dem wir frei sind”, sagt Nurrissam Ismailova später.

Über eine Million Uiguren wird in der autonomen Region Xinjiang in chinesischen Umerziehungslagern festgehalten. Kürzlich geleakte Geheimdokumente aus der Kommunistischen Partei belegen, dass das Ziel der vermutlich über Hundert Lager die Gehirnwäsche der muslimischen Minderheit ist. Ihnen soll ihre Kultur ausgetrieben werden. Fast jeder Exil-Uigure, der heute hier in München ist, hat Verwandte, die in den letzten Jahren plötzlich verschwanden oder verhaftet wurden. “Wir haben es jahrelang nicht geschafft, die Welt von der Wahrheit über die Lager zu überzeugen”, sagt Madina Tursun, 32. “Aber jetzt hat es China mit den geleakten Dokumenten selbst geschafft.”

Es hat sich ein besonderer Mut verbreitet

Wie sie mit der neuen Aufmerksamkeit umgehen sollen, wissen manche Exil-Uiguren selbst noch nicht. Sie sind hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung, dass sich nun alles ändert und das Ausland ihrem Volk hilft, und der Skepsis, ob nicht doch alles so bleibt und sich kein Staat ernsthaft mit der Weltmacht China anlegen will. Aber trotzdem hat sich gerade in München ein besonderer Mut unter den Uiguren verbreitet. Viele sprechen offen, demonstrieren, feiern ihre Kultur und lassen sich nicht einschüchtern. Während China ihren Verwandten die uigurische Kultur austreiben will, wollen sie sie im Exil umso mehr erhalten.

Hier in München ist wohl der Ort, an dem sich die Exil-Uiguren am stärksten fühlen: In keiner europäischen Stadt leben so viele von ihnen, sie ist ihr politisches Zentrum. Hierher zogen in den Siebzigern die ersten Uiguren, die in den Westen gingen, und hier hat auch heute der Weltkongress der Uiguren seinen Hauptsitz. Etwa 700 Uiguren leben in München, in ganz Deutschland sind es 1.500. Und sie werden mehr: Die Zahl der Asylanträge von Uiguren steigt seit drei Jahren, die Schutzquote laut Bundesamt für Migration auch. Und genau so lange ist es her, dass sich auch die uigurische Gemeinde in München veränderte.

Uigur Zeiten

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