Sacharow-Preisträger Tohti Die inhaftierte Stimme der Uiguren

Von Markus Pfalzgraf, ARD-Studio Peking

Der uigurische Aktivist Ilham Tohti wurde in Abwesenheit mit dem Sacharow-Preis ausgezeichnet. Er sitzt seit 2014 in Haft, denn chinesische Behörden werfen ihm vor, Hass und Gewalt zu schüren.

Von Markus Pfalzgraf, ARD-Studio Peking

Die meist islamischen Uiguren sind eine Minderheit in China, aber in der Provinz Xinjiang stellen sie die Mehrheit – noch. Denn immer mehr Han-Chinesen aus anderen Provinzen ziehen zu, inzwischen ist ihr Anteil an der Bevölkerung in Xinjiang wohl fast so groß wie der der Uiguren. In Xinjiang leben mehr als 20 Millionen Menschen – nach unterschiedlichen Angaben könnte inzwischen bis zu eine Million von ihnen in Lagern eingesperrt sein. Laut offizieller chinesischer Lesart sind die Lager Bildungseinrichtungen, Menschenrechtlern zufolge Umerziehungs- oder Internierungslager. Begründet werden die Einrichtungen offiziell mit der Terrorgefahr.

Immer wieder gab es Unruhen in Xinjiang im Westen Chinas. 2009 soll es nach offiziellen Angaben 100 bis 200 Tote gegeben haben, hauptsächlich Han-Chinesen. In der Folge wurden Hunderte Uiguren verhaftet, verurteilt und manche hingerichtet.

Die Behörden machten auch Menschenrechtler und Aktivisten wie Ilham Tohti mitverantwortlich. Er hatte Artikel veröffentlicht und den Umgang Chinas mit den Uiguren kritisiert. Immer wieder wurde er schikaniert, eingeschüchtert, unter Hausarrest gestellt oder festgenommen. Im ARD-Radiointerview sagte Ilham Tohti 2012: “Das uigurische Volk, vor allem die uigurischen Intellektuellen tun noch nicht genug. Viele schweigen. Das Umfeld ist nicht gut: Wenn man etwas sagt, begeht man ein Verbrechen. Es ist eigentlich kein Verbrechen nach chinesischem Recht, aber wegen irgendeines Verbrechens wird man schon angeklagt, wenn man etwas sagt. Deshalb geben viele von uns auf.”

China lehnt Vergleich Tohtis mit Mandela ab

Ilham Tohti ist eigentlich Wirtschaftswissenschaftler. Er lehrte in Peking, bis er 2014 zuletzt festgenommen und dann zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Damals gab es nur zwei Verhandlungstage. Der Vorwurf: Separatismus. Daran erinnerte in diesem Jahr der chinesische Außenministeriumssprecher Geng Shuang. “Ilham Tohti hat das Verbrechen begangen, das Land spalten zu wollen. Er will Hass schüren, er handelt im Namen von Gewalt und Terrorismus”, sagte er. “Das ist in anderen Ländern auch nicht hinnehmbar. Die internationale Gemeinschaft sollte klar sehen, was richtig und falsch ist.”

Doch von Gewalt ist Tohti weit entfernt, meinen seine Unterstützer. Seine einzigen Waffen: Der Stift und das Wort, sagte seine Tochter Jewher Ilham dem Sender Radio Free Asia, als bekannt wurde, dass ihr Vater vom Europaparlament ausgezeichnet werden soll: “Die Nominierung für den Sacharow-Preis zeigt auch, dass die Sache der Uiguren von der EU beachtet wird. Das tröstet mich sehr. In all den Jahren hat sich mein Vater immer um die Verständigung zwischen Han-Chinesen und Uiguren bemüht und für Respekt unter den Völkern eingesetzt.”

Ilham Tohti wurde schon uigurischer Mandela genannt, nach dem südafrikanischen ersten Sacharow-Preisträger von 1988. Eine Bezeichnung, die von chinesischer Seite prompt zurückgewiesen wurde: Tohti sei kein Friedensstifter, sondern verbreite “Hass und Tod”.

Wie es Tohti im Gefängnis geht, weiß kaum jemand

Laut Weltkongress der Uiguren war Tohti immer für Zusammenarbeit. Dolkun Isa ist Präsident der Organisation mit Sitz in München. Er kannte Ilham Tohti aus Peking, verließ aber China 1994. Isa fordert internationale Unterstützung für die Uiguren: “Reden reicht nicht mehr, es muss gehandelt werden”, sagt er. “Wir wollen, dass Deutschland und andere europäische Länder konkrete Schritte gegen China unternehmen, um die Verfolgung der Uiguren zu beenden.”

Denn Isa vom Uigurischen Weltkongress spricht sogar von Konzentrationslagern oder einem riesigen Gefängnis, das Xinjiang inzwischen sei, wo ein kultureller Völkermord stattfinde.

Wie es Ilham Tohti derzeit im Gefängnis geht, wissen weder der Verband noch seine Tochter. Der inhaftierte Ökonom und Blogger hat schon den Vaclav-Havel-Menschenrechtspreis des Europarats bekommen, weil er den Uiguren eine Stimme gegeben hat.

Er sei gewarnt worden, nicht so viel mit den Medien zu sprechen, sagte Tohti selbst einmal der “New York Times”. Aber er habe keine Wahl, als auf die Ungleichheit und Ungerechtigkeit hinzuweisen, die bei manchen Uiguren in Hass gegen Han-Chinesen umschlägt.

kopiert von www.tagesschau.de

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