Ein uigurisches Model riskiert wegen eines Videos über seine Inhaftierung, bestraft zu werden und verschwindet unmittelbar danach

Ein Bericht von Nur Iman vom RFA Uyghur. Übersetzt von Elise Anderson. Geschrieben auf Englisch von Joshua Lipes und erschien am 06.08.2020

Übersetzung aus dem Englischen von Uigur_Zeiten

Ein uigurisches Model riskiert wegen eines Videos über seine Inhaftierung, bestraft zu werden und verschwindet unmittelbar danach

Der Onkel des Mannes sagt, dass er ihn und dessen Tante seit das Video online veröffentlicht wurde nicht mehr kontaktieren könne.

𝙀𝙞𝙣 𝙎𝙘𝙧𝙚𝙚𝙣𝙨𝙝𝙤𝙩 𝙫𝙤𝙣 𝙈𝙚𝙧𝙙𝙖𝙣𝙨 𝙑𝙞𝙙𝙚𝙤: 𝙀𝙨 𝙯𝙚𝙞𝙜𝙩 𝙖𝙣𝙜𝙚𝙗𝙡𝙞𝙘𝙝 𝙞𝙝𝙣 𝙞𝙣 𝙃𝙖𝙛𝙩 ( 𝙞𝙣 𝙓𝙞𝙣𝙟𝙞𝙖𝙣𝙜/ 𝘼𝙠𝙨𝙪) 𝙅𝙖𝙣𝙪𝙖𝙧 𝟮𝟬𝟮𝟬

Ein junger uigurischer Mann, der eine harte Bestrafung riskierte, weil er von sich ein Video aus der Haft in Chinas Uigurischen Autonomen Region Xinjiang ( XUAR) aufnahm und seine Tante, die das Video außer Landes verschickte, sind beide „verschwunden“, so der Onkel des Mannes.

Am Dienstag veröffentlichte BBC ein fast 5 minütiges Video, das Merdan Ghappar zeigte: Ein 31 jähriges uigurisches Model des chinesischen Onlineshopping-Portals Taobao, gefesselt an ein Bett in schmuddeligen Verhältnissen während über eine Lautsprecheranlage außerhalb seines vergitterten Fensters politische Propagandaansagen abgespielt werden.

Das Video und die mehreren Textnachrichten, die Merdan verschickte,scheinen der beste Beweis für Chinas anhaltende Politik der Masseneinkerkerung von Uiguren und anderen muslimischen Minderheiten in einem riesigen Netzwerk von Internierungslagern in der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang zu sein.

Es widerspricht einer Erzählung der Regierung, wonach alle Inhaftierten ihre „Berufsausbildungen“ in den Einrichtungen „abgeschlossen hätten“, die als „Berufsausbildungszentren“ bezeichnet werden. Es wird angenommen, dass bis zu 1,8 Million Menschen seit April 2017 in den Lagern gehalten werden.

Merdan wurde anfangs mit Dutzenden anderen Inhaftierten in einem Polizeigefängnis gehalten, nachdem er dazu gebracht wurde aus der Stadt Foshan der Provinz Guangdong, wo er lebte, in sein Herkunftsland Kuchar( auf chinesisch Kuche) in die Präfektur Aksu ( Akesu) der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang zurückzukehren, um sich bei der Behörde im Januar zu registrieren.

Aber 18 Tage nach seiner Inhaftierung inmitten der Berichte über den Coronavirus- Ausbruch in der Region und als Merdan Krankheitsanzeichen aufzeigte, wurde er in eine Einzelzelle verlegt, wo die Beschränkungen etwas lockerer waren und er unter anderem auf sein Telefon zugreifen konnte, mit dem er das Video aufgenommen hatte.

Video:

Er sendete das Video seiner Tante, Ayshemgul Ghappar zu, die es dann im frühen März an den in den Niederlanden ansässigen Onkel, Abdulhakim Ghappar, weiterleitete.

Abdulhakim sagte, dass er und Merdan Textnachrichten austauschten, die über den Zeitraum von mehreren Tagen von Ayshemgul weitergeleitet wurden. Sie beredeten seine Haftsituation, bevor die ganze Kommunikation mit seinem Neffen und seiner Schwester plötzlich aufhörte.

„Wir tauschten Nachrichten für eine Woche lang aus …[ und zum letzten Mal] um den 9. oder 10. März, ich erinnere mich nicht genau,“ sagte er.

„Er schickte mir eine Nachricht und dann waren er und meine Schwester einfach weg. Ich habe seitdem nichts von meiner Schwester mehr gehört.“

„Auch wenn unklar ist, was mit den beiden passierte, die Aufseher der Einrichtung, haben Merdan das Telefon abgenommen, daran besteht überhaupt kein Zweifel,“ sagte Abdulhakim. „Anscheinend, bekam er nach dem Absenden des Videos noch schlimmere Schwierigkeiten, das steht außer Frage – ich denke, dass er deswegen verschwunden ist“, fügte er hinzu.

Versuche sich über den Kontakt zu chinesischen Regierungsbeamten, Merdans und Ayshemguls Aufenthaltsort und den Grund für Merdans Inhaftierung bestätigen zu lassen, blieben erfolglos.

Der Onlineversand Taobao, der Merdan als Model engagiert hatte, hat auf seiner Website keine Aufzeichnungen mehr von ihm. Auf Baidu, Chinas beliebtester Suchmaschine, wurden jegliche Eintragungen über ihn gelöscht.

𝙀𝙞𝙣𝙚 𝙆𝙖𝙧𝙩𝙚 𝙯𝙚𝙞𝙜𝙩 𝙙𝙚𝙣 𝙇𝙖𝙣𝙙𝙠𝙧𝙚𝙞𝙨 𝙆𝙪𝙘𝙝𝙖𝙧 𝙞𝙣 𝙙𝙚𝙧 𝙋𝙧𝙖̈𝙛𝙚𝙠𝙩𝙪𝙧 𝘼𝙠𝙨𝙪 𝙞𝙣 𝙓𝙞𝙣𝙟𝙞𝙖𝙣𝙜. 𝘽𝙞𝙡𝙙𝙣𝙖𝙘𝙝𝙬𝙚𝙞𝙨: 𝙍𝙁𝘼

HAFTBEDINGUNGEN

Abdulhakim erzählte RFA, dass er Merdans Video anfangs auf Facebook hochgeladen und es jedoch gleich daraufhin entfernt hätte als BBC die Ermittlungen um Merdans Fall fortführte.

Der britische Rundfunksender veröffentlichte es am Donnerstag zusammen mit den Textnachrichten, die Merdan geschickt hatte. Diese behandelten ausführlich seine Erfahrung im Polizeigefängnis, wonach er einen Sack über den Kopf getragen hatte, an Händen und Beinen gefesselt worden ist und zusammen mit 50- 60 anderen Personen eine 50 Quadratmeter- Zelle geteilt hatte und regelmäßig Schreie, aus dem Verhörraum neben an, gehört hatte.

In dem Video aus seiner Einzelhaft, hatte sich Merdan selbst gefilmt:
Er ist mit seinem linken Handgelenk an ein Bett – dem einzigen Möbelstück im Zimmer- gekettet, während eine aufgezeichnete Nachricht in Mandarin- Chinesisch und Uigurisch über eine Lautsprecheranlage außerhalb des Fensters dröhnt, und den „Separatismus“ anprangert.

Er scheint schmutzige Kleidung zu tragen und sichtlich besorgt zu sein. Merdan sandte auch ein Foto eines Kommuniqués zu, worüber er sagte, dass er es auf dem Boden in eines der Badezimmer dieser Einrichtung gefunden hätte. Es forderte Kinder im Alter von 13 Jahren auf, ihre religiösen extremistischen Taten zu bereuen und sich der Regierung zu ergeben.

Seit sie zuletzt im März kommuniziert hatten, sagte Abdulhakim, sei eine Freundin seines Neffen, eine Han Chinesin nach Kuchar gereist, um ihn zu finden. „Die Behörde unternahm jedoch große Anstrengungen, um sie davon abzubringen… nachdem sie Bescheid wusste, dass sie für Merdan gekommen war.“

Er sagte, dass es der jungen Frau möglich war, ein Polizeirevier aufzusuchen, von dem man glaubte, dass Merdan darin festgehalten und grob behandelt wurde. Ihr wurde mitgeteilt, dass man ihr gegenüber nicht in der Verantwortung stünde, sie über seinen Fall zu informieren.

„Sie bestritten nicht, dass er dort festgehalten wurde, sie sagten nur, dass sie ihr nichts sagen würden”, sagte Abdulhakim.

Peking selbst beschreibt sein drei Jahre altes Lager-Netzwerk als „Berufsausbildungszentren“, die freiwillig besucht würden. Die Berichterstattung des RFA und die, der anderen Medien zeigen jedoch, dass die Inhaftierten meist gegen ihren Willen und unter schlechten Bedingungen festgehalten werden, wo sie gezwungen sind die unmenschliche Behandlung und politische Indoktrination zu ertragen.

Der Beweis für Merdans Haft und andere Reportings der RFA stellen die Behauptungen des uigurischen Gouverneurs von Xinjiang, Shorat Zakir in Frage, wonach die Menschen in den Zentren alle „ihren Abschluss gemacht hätten“ und ein glückliches Leben führen würden.
Zakir gab die Erklärung eine Woche nach der Verabschiedung des Uiguren- Gesetzes durch den US-Kongress ab, das Sanktionen gegen chinesische Beamte vorsieht, die für die „groben Menschenrechtsverletzungen” in der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang verantwortlich sind. Es wurde inzwischen zum Gesetz gemacht.

Letzte Woche hat die Trump- Administration Sanktionen gegen eine chinesische paramilitärische Gruppe, Xinjiang Produktions- und Konstruktions-Korps (XPCC) und zwei seiner derzeitigen und ehemaligen Beamten wegen Menschenrechtsverletzungen in der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang verhängt.

Dies geschah im Anschluss auf ähnliche Sanktionen wie im Juli gegen mehrere chinesische Spitzenpolitiker, darunter der regionale Parteisekretär Chen Quanguo. Dies war das erste Mal, dass Washington ein Mitglied des mächtigen Politbüros Chinas ins Visier nahm.

𝙀𝙞𝙣 𝙎𝙘𝙧𝙚𝙚𝙣𝙨𝙝𝙤𝙩 𝙫𝙤𝙣 𝙈𝙚𝙧𝙙𝙖𝙣𝙨 𝙑𝙞𝙙𝙚𝙤: 𝙎𝙚𝙞𝙣𝙚 𝙡𝙞𝙣𝙠𝙚 𝙃𝙖𝙣𝙙, 𝙬𝙖𝙧 𝙞𝙢 𝙅𝙖𝙣𝙪𝙖𝙧 𝟮𝟬𝟮𝟬 𝙖𝙣 𝙚𝙞𝙣 𝘽𝙚𝙩𝙩 𝙜𝙚𝙛𝙚𝙨𝙨𝙚𝙡𝙩.
(𝙊𝙧𝙩: 𝙋𝙧𝙤𝙫𝙞𝙣𝙯 𝘼𝙠𝙨𝙪 𝙞𝙣 𝙓𝙞𝙣𝙟𝙞𝙖𝙣𝙜)

ERFOLGREICH, ABER NICHT IMMUN

Merdans Fall zeigt, dass vor Verfolgung durch die Behörden selbst die Uiguren keine Immunität genießen, die ihr Leben den Erwartungen der chinesischen Regierung an ihre ethnische Gruppe angepasst haben.

Merdan machte 2007 am Xinjiang Institut für Kunst in Urumqi seinen Abschluss und wurde eingeladen für ein Unternehmen in Peking zu arbeiten, bevor er als Model für ein Online- Mode- Händler „entdeckt wurde“, der ihn als Model übernahm und nach Ghuangzhou, die in der Stadt Guangdong liegt, schickte. Später begann er auch für andere Firmen zu modeln, darunter auch für Taobao und verdiente laut seinem Onkel bis zu 10.000 Yuan ( 1440.- $ US-Dollar ) pro Tag.

Merdan fand jedoch, dass er trotz seiner aufsehenerregenden Karriere und dem neu erworbenen Wohlstand sogar von der Mehrheit der Han Chinesen, immer noch oft wie ein Bürger zweiter Klasse behandelt wurde, die Uiguren regelmäßig diskriminieren.
Merdans Arbeitgeber rieten ihm, dass er sich wegen seiner Identität nicht über seine ethnische Gruppe äußern und stattdessen behaupten solle, dass er europäische Vorfahren habe, damit ihn niemand befragen würde. Er willigte ein dies zu tun.

„Er musste schließlich seinen Lebensunterhalt verdienen, und es ist sicherlich schwierig unter den fast 1,5 Milliarden Menschen in China seinen Platz zu behaupten; daher machte er mit “, sagte Abdulhakim.

Merdan hielt den Kopf gesenkt und arbeitete hart, sagte sein Onkel, der bemerkte, dass „ dieser sich nicht wirklich für Religion – und auch nicht sehr für Politik interessierte.”

Irgendwann kaufte er eine große Wohnung für rund 800.000 Yuan (115.000$ US-Dollar). Obwohl er gezwungen war, sie im Namen eines Freundes, eines Han-Chinesen zu registrieren, weil ihm gesagt wurde, dass er dies als Uigure nicht tun könne, sagte Abdulhakim.
Trotz seines Erfolgs wurde Merdan im August 2018 verhaftet und wegen Verkauf von Marihuana zu 16 Monaten Gefängnis verurteilt. Diese Anschuldigung wurde von seinen Freunden dementiert.

Es ist unklar, ob Merdan schuldig im Sinne der Anklage war, aber Berichte deuten darauf hin, dass Uiguren in Chinas Justizsystem häufiger verurteilt werden als Han-Chinesen. Und diejenigen, die Haftstrafen verbüßt ​​haben, scheinen auch einem höheren Risiko für eine spätere Inhaftierung im Lager ausgesetzt zu sein.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im November versuchte Merdan, die Arbeit wieder aufzunehmen, aber zwei Monate später tauchten „einige uigurische Polizisten [aus Xinjiang] zusammen mit der örtlichen Polizei auf“, die sagten, dass sie ihn in die Region zurückbringen würden“, wo er bei seiner Rückkehr verhaftet wurde.

„Letztendlich sehe ich die Tatsache, dass er Uigure ist, als Hauptgrund für seine Inhaftierung”, sagte Abdulhakim gegenüber RFA.

Als er nach Guangzhou ging, sagte ihm sein Agent, er solle in seinen Geschäftsbeziehungen nicht offen damit werben Uigure zu sein “, fügte er hinzu.

„Die Menschen in China denken so: Wenn du Uigure oder aus Xinjiang bist, spielt es keine Rolle, wie talentiert du bist. Du kannst nicht erfolgreich sein. Das waren also die Gründe für seine Modelkarriere.“

𝙈𝙚𝙧𝙙𝙖𝙣 𝙂𝙝𝙖𝙥𝙥𝙖𝙧 (𝙡𝙞𝙣𝙠𝙨) 𝙖𝙡𝙨 𝙏𝙚𝙚𝙣𝙖𝙜𝙚𝙧 𝙖𝙪𝙛 𝙙𝙚𝙢 𝙁𝙤𝙩𝙤 𝙢𝙞𝙩 𝙨𝙚𝙞𝙣𝙚𝙢 𝙊𝙣𝙠𝙚𝙡, 𝘼𝙗𝙙𝙪𝙡𝙝𝙖𝙠𝙞𝙢 𝙂𝙝𝙖𝙥𝙥𝙖𝙧 (𝙞𝙣 𝙙𝙚𝙧 𝙈𝙞𝙩𝙩𝙚) 𝙪𝙣𝙙 𝙨𝙚𝙞𝙣𝙚𝙧 𝙂𝙧𝙤ß𝙢𝙪𝙩𝙩𝙚𝙧( 𝙧𝙚𝙘𝙝𝙩𝙨)

Quelle: Radio Free Asia

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