BBC: Chinas Druck und Propaganda- die Wirklichkeit über die Berichterstattung der Region Xinjiang

BBC News am 15.01.2021

Übersetzung aus dem Englischen von Uigur Zeiten

Das Team der BBC wurde verfolgt und ihr Filmmaterial wurde gelöscht

Zu den strengen Beschränkungen für ausländische Journalisten, die versuchen die Wahrheit über die westliche Region Xinjiang zu berichten, kommt hinzu, dass China eine neue Taktik hat: die unabhängige Berichterstattung als „ Fake News ” zu bezeichnen.

Nachts, als wir stundenlang auf den Autobahnen in Xinjiangs Wüstenregion unterwegs waren, verfolgten uns ungekennzeichnete Autos, die uns vom Moment unserer Ankunft an mit hoher Geschwindigkeit nah hinter die Heckklappe-gefährlich dicht heran- mit ihren Scheinwerfern auf Fernlicht auffuhren.

Ihre Bewohner, die ihre Identität nie zu erkennen gaben – zwangen uns, eine Stadt zu verlassen, indem sie uns aus Restaurants und Geschäften verjagten und den Besitzern befahlen, uns nicht zu bedienen. Der Bericht, den wir trotz dieser Schwierigkeiten erstellt haben, enthielt neue Beweise – ein Großteil davon basiert auf Chinas eigenen politischen Dokumenten -, dass Tausende von Uiguren und andere Minderheiten gezwungen würden, in einer Region, die zu einem Fünftel der weltweiten Baumwollernte beiträgt, Baumwolle zu pflücken. Chinas befleckte Baumwolle.

Aber jetzt haben die staatseigenen Medien der Kommunistischen Partei Chinas ihren eigenen Bericht über unsere Berichterstattung erstellt, in welchen die BBC beschuldigt wird, die Bemühungen der Behörden als übertrieben und als „Fake News ” bezeichnet zu haben, die in Wahrheit unser Team behinderten.

Das von der China Daily – einer englischsprachigen Zeitung – erstellte Video wurde sowohl auf chinesischen Social-Media-Websites als auch auf in China verbotenen internationalen Plattformen, veröffentlicht.

Die befleckte Baumwolle stellt ein Fünftel der Baumwollernte der Welt dar

Hannah Bailey, die sich auf die Verwendung staatlich geförderter digitaler Desinformation in China am ‚Internet -Institut Oxford‘ spezialisiert hat, meint ,dass ein derart heftiger kritischer Angriff auf Englisch mit jedoch chinesischen Untertiteln, das Video ungewöhnlich mache.

„Es wurde eindeutig sowohl für internationale als auch für inländische Nutzer entwickelt”, sagte sie mir, „was eine gewisse Abweichung von früheren Strategien darstellt.

„Frühere Inhalte, die für das Publikum auf dem Festland produziert wurden, waren gegenüber westlichen Ländern kritischer und stimmlich nationalistischer, während Inhalte, die für das internationale Publikum produziert wurden, einen versöhnlicheren Ton getroffen haben.”

Der Bericht der China Daily konzentriert sich auf eine Auseinandersetzung vor dem Eingangstor einer Textilfabrik in der Stadt Kuqa, wo das BBC-Team von einer Gruppe von Managern und lokalen Beamten umgeben war.

Die BBC machte sich auf den Weg zur weiträumigen Textilfabrik in Kuqa

Die darin enthaltenen Anschuldigungen, die auf Kameraufnahmen der am Tatort eingetroffenen Polizei beruhen, können leicht zurückgewiesen werden: Ein höflicher Austausch zwischen unserem Team und einem Polizisten deutet darauf hin, dass die BBC die Rolle der Behörden bei der Verhinderung der Berichterstattung übertrieben hätte.

Die China Daily erwähnt jedoch nicht, dass ein Teil unseres Filmmaterials unter Zwang gelöscht wurde und wir denselben Polizisten an einen anderen Ort begleiten mussten, damit er die verbleibenden Bilder überprüfen konnte. Und es gibt weder eine Erklärung für den weiteren Kontext noch erhält die BBC eine Antwort.

Während eines Zeitraums von weniger als 72 Stunden in Xinjiang wurden wir ständig verfolgt und bei fünf verschiedenen Gelegenheiten von Menschen angesprochen, die versuchten, uns davon abzuhalten, in der Öffentlichkeit zu filmen, manchmal mit Gewalt.


In mindestens zwei Fällen wurden wir beschuldigt, die Privatsphäre dieser Personen verletzt zu haben, weil ihre Versuche, uns aufzuhalten, dazu geführt hatten, dass sie vor unserer Kamera standen.

Die uniformierten Polizisten, die an diesen „Vorfällen” teilnahmen, löschten unser Filmmaterial zweimal und bei einer anderen Gelegenheit wurden wir kurz von örtlichen Beamten festgehalten, die behaupteten, wir hätten die Rechte eines Bauern, indem wir ein Feld gedreht hätten, verletzt.

Chinas Propagandabemühungen könnten ein Zeichen dafür sein, dass es glaubt, dass die Berichterstattung über Xinjiang seinen internationalen Ruf beeinträchtigt hat.

Der Versuch, die – normalerweise zensierten – westlichen Medien zu Hause anzugreifen, birgt jedoch ein gewisses Risiko, da er Einblicke in Geschichten geben kann, die sonst nicht öffentlich zugänglich wären.

Ein Satellitenfoto vom Mai 2019 zeigt eine große Gruppe von Menschen, die zwischen der Textilfabrik Kuqa und einem Umerziehungslager nebenan mit Wachturm und innerer Sicherheitsmauer, umgesiedelt werden.

Die China Daily, die das Lager in der offiziellen Terminologie als „Umerziehungslager ” bezeichnet, suggeriert, dass unser Versuch, zu filmen, sinnlos war, weil es angeblich im Oktober 2019 geschlossen wurde.

Wenn dies zutrifft, beweist dies lediglich, dass das Lager zum Zeitpunkt der Aufnahme betriebsbereit war – und bestätigt, dass es uns einen zwingenden Grund für weitere Nachforschungen liefert.

Jetzt können sowohl das chinesische als auch das westliche Publikum darüber nachdenken, wer die Personen auf dem Foto waren, warum man sie zwischen Lager und Fabrik bewegte und ob die Arbeit, die sie dort, scheinbar gerne verrichteten, völlig freiwillig war.

In einem Interview mit einem der uniformierten Polizeibeamten, die die Körperkameraaufnahmen zur Verfügung gestellt haben, bestätigt das Video von China Daily versehentlich, wie gut geplant und vielschichtig die Kontrolle von Journalisten in Xinjiang wirklich ist.

Der Beamte bestätigt, dass sie uns kurz nach unserer Ankunft in Kuqa zu einem Treffen in unserer Hotellobby eingeladen haben, um uns über „unsere Rechte und Einschränkungen” zu unterrichten. Tatsächlich sagten uns die Hotelmitarbeiter, dass es uns verboten sei, das Hotel zu verlassen, bis dieses Treffen stattgefunden habe. Es nahmen auch zwei Propagandabeamte teil, die uns für den Rest unserer Zeit in Kuqa begleiten sollten.

Sie fügten der langen Schlange, die uns überallhin folgte, ein weiteres Auto hinzu.

Weit davon entfernt „Fake-News zu sein“, sind unsere Beweise nach der Veröffentlichung der Post-Propaganda, die sie untergraben sollten, ein Beweis für eine koordinierte Anstrengung, um die Erzählung zu kontrollieren, angefangen mit den unheimlichen Betreuern in den ungekennzeichneten Autos bis hin zur nationalen Regierung.

Es wird geglaubt, dass bis zu eine Million Menschen gegen ihren Willen in Lagern festgehalten werden.

Nach unserer Rückkehr in Peking wurden wir zu einem Treffen mit Beamten eingeladen, die darauf bestanden, dass wir vor den Dreharbeiten die Erlaubnis der Fabrikbesitzer einholen sollten. Wir haben darauf hingewiesen, dass Chinas eigene Medienvorschriften das Filmen eines Gebäudes von einer öffentlichen Straße aus nicht verbieten.
China nutzt das Akkreditierungsverfahren für ausländische Journalisten zunehmend als Kontrollinstrument und stellt verkürzte Visa oder droht mit Nichterneuerung für diejenigen, deren Berichterstattung es ablehnt.

Nach der Veröffentlichung erhielt ich ein weiteres verkürztes Visum, wobei die Behörden klarstellten, dass dies auf meine Berichterstattung über Xinjiang zurückzuführen war. Die China Daily beschuldigt die BBC auch, eine versteckte Kamera verwendet zu haben – wir haben es nicht getan. Und sie stellt die Aufzeichnung der Polizeikameras falsch dar, während es einen Kommentar der BBC-Produzentin Kathy Long außerhalb der Fabrik suggeriert, dass wir nicht die Bilder eines Mannes, sondern sie in Bezug auf jemand anderen verwenden würden. Unter der Vorraussetzung, dass sie die vollständige Aufnahme besitzen, ist es schwer zu verstehen, wie dieser Fehler gemacht werden könnte.

Hannah Bailey vom ‚Internet-Institut Oxford‘ sagt, dass Chinas „Push-Back“ auf internationaler Ebene wie seine inländische Propaganda auch, „zunehmend kritisch und defensiv“ werden könnten.

„China hat zuvor gezeigt, dass es eine Vielzahl von Instrumenten zur Manipulation der internationalen und nationalen Diskurse einsetzt, von Twitter-Bots über staatlich kontrollierte internationale Medien bis hin zu sogenannten „Wolfskrieger-Diplomaten”, sagte sie mir. „Versuche, ausländische Medien zu diskreditieren, sind ebenfalls Teil dieses Toolkits.”

Wir haben der China Daily die Möglichkeit geboten, die Fehler in ihrer Berichterstattung zu kommentieren.

In einer Antwort, in der nicht auf unsere spezifischen Fragen eingegangen wurde, heißt es, dass nach unserem Besuch von Xinjiang und der Durchführung von Interviews der Schluss gezogen wurde, dass „in Xinjiang keine Zwangsarbeit stattfindet”.

Das Propagandavideo endet damit, dass eine Arbeiterin in der Textilfabrik Kuqa gefragt wird, warum sie dort ist – eine Frage, die, wie sie genau weiß, von Reportern unter der direkten Kontrolle der Kommunistischen Partei Chinas gestellt wird.

„Ich habe mich entschieden, hier zu arbeiten”, erzählt sie ihnen.

Quelle: BBC News

Uigur Zeiten

Next Post

Wenn Chinas Anti-Uiguren Kampagne kein Genozid ist, was ist es dann?

Fri Mar 26 , 2021
von Omer Kanat, The Diplomat am 18.03.2021 Übersetzung aus dem Englischen von Uigur Zeiten Wenn die einzige Antwort der Welt auf den Genozid ist, sich mit der endlosen Debatte über den Begriff zu beschäftigen, dann ist „nie wieder“ ein wahrhaft leeres Versprechen. Als ich letzte Woche den Artikel „600.000 Uiguren“ in meinen Nachrichten gesehen habe, wusste ich, dass es eine harte Lektüre sein wird. Ich lag richtig. Ein internes Dokument der chinesischen Regierung erstellt von Wissenschaftlern der Nankai Universität offenbarte diese unglaubliche Zahl von Uiguren, die von der Regierung aus ihrer Heimat geholt werden und gezwungen werden in Städten in […]