Die uigurische Australierin bricht ihr Schweigen, als ihr Mann zu 25 Jahren Haft in einem chinesischen Gefängnis in Xinjiang verurteilt wird

ABC News (Australien) am 19. April 2021

Übersetzung aus dem Englischen von Uigur Zeiten

Mehray Mezensof sitzt allein Zuhause während sie einen Liebesbrief, den ihr Mann ihr geschrieben hatte, liest. (ABC News: Grace Tobin)

Die Melbourne-Frau Mehray Mezensof ist seit fünf Jahren verheiratet, aber ihr Mann war die meiste Zeit abwesend.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Mirzat Taher, ein australischer Bürger mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis und selbst Uigure wurde in China festgenommen.
  • Seine Frau Mehray Mezensof, die in Melbourne lebt, spricht nun zum ersten Mal darüber.
  • Ein neuer Bericht von Human Rights Watch besagt, dass China in Xinjiang/ Ostturkestan „Verbrechen gegen die Menschlichkeit” begeht.

Stattdessen war er mehrere Male in Haftanstalten und in chinesischen Konzentrationslagern, der sogenannten Xinjiang-Region.

Frau Mezensof hat zuvor nie öffentlich gesprochen, da sie befürchtete, dass dies die bereits ohnehin schon bedrohliche Situation für ihren Ehemann Mirzat Taher, gefährlicher machen würde.

Nachdem sie vor zwei Wochen schlimme Nachrichten erhalten hatte, dass Taher, der auch australischer Bürger mit unbefristetem Aufenthaltstitel ist wegen angeblichem „Separatismus” Vorwurf zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, sah sie sich zu dieser Kehrtwende gezwungen.

„Es ist lächerlich, mein Mann würde so etwas niemals tun”, sagte die 26-jährige Krankenschwester in einem Exklusivinterview zu 7.30.

„Das ist nichts aus einem Film, es passiert.“

Frau Mezensof bittet um Hilfe darum, ihren Mann nach Australien zu bringen. (ABC News: Grace Tobin)

„Liebevolle, fürsorgliche und freundliche Person”

Frau Mezensof entstammt einer uigurischen Familie in Australien, wo sie geboren wurde und aufwuchs. Ihre Eltern sind vor 35 Jahren aus Ostturkestan/ Xinjiang nach Australien ausgewandert.

Chinas Außenministerium und die staatlichen Medien haben wiederholt behauptet, dass die Lager „Berufsbildungszentren” seien und die westlichen Medien beschuldigt, Geschichten über Uiguren und Ostturkestan/Xinjiang erfunden zu haben.

Aber Frau Mezensof kennt nur eine Wahrheit – ihr Mann sitzt derzeit in China hinter Gittern, weil er Uigure ist.

Frau Mezensof und ihr Ehemann Herr Taher an ihrem Hochzeitstag in Ostturkestan/ Xinjiang (Foto: Mehray Mezensof)

Im Jahr 2016, als Frau Mezensof 22 Jahre alt war, reiste sie zum ersten Mal nach Ostturkestan/ Xinjiang und traf Herrn Taher.

„Es hatte sogleich zwischen uns gefunkt… so albern und klischeehaft es klingt, aber ich glaube ehrlich, es war Liebe auf den ersten Blick”, sagte sie. „ Ich wusste, dass ich mein ganzes Leben an seiner Seite verbringen wollte. Er war einfach so ein liebevoller, fürsorglicher und freundlicher Mensch.“

„Die Leute verschwanden”

Nach ihrer Heirat in Urumqi, der Hauptstadt von Ostturkestan/ Xinjiang beantragte Frau Mezensof ein australisches Visum für Herrn Taher. Das Visum wurde am 1. April 2017 erteilt.

„Es war ungefähr zu dieser Zeit, als wir von Unruhen in der Hauptstadt hörten”, sagte sie zu 7.30.

Wir hörten das Geflüster von Leuten darüber, dass Menschen mitten in der Nacht verschwanden.

„Und sie wurden festgenommen und an Orte gebracht und man hatte nie wieder von ihnen gehört“

„ Mir ist nie in den Sinn gekommen, dass so etwas passieren könnte.“

Anfang 2017 nahm Chinas Vorgehen gegen Uiguren und andere turkstämmige Muslime der willkürlichen Masseninternierungen, zu.

Die Gründe für die Inhaftierung können unterschiedlich und so belanglos wie das Tragen eines Kopftuchs, das Tragen eines Bartes oder Urlaubsreisen ins Ausland sein.

Herr Taher war in Alarmbereitschaft und das Paar wollte Ostturkestan/Xinjiang so schnell wie möglich verlassen. Sie buchten Flüge nach Melbourne für den 12. April, schafften es aber nie zum Flughafen.

Die schlimmsten Befürchtungen des Paares bewahrheiteten sich in der Nacht des 10. Aprils, als die Polizei anklopfte.

„Sie beschlagnahmten den Pass meines Mannes und eines der ersten Dinge, die sie fragten war, ob mein Mann ins Ausland gereist war”, erinnerte sich Frau Mezensof.

Das Paar lebte ungefähr ein Jahr in Ostturkestan/ Xinjiang, bevor es willkürlich auseinandergerissen wurde. (Foto: Mehray Mezensof)

„Bevor wir heirateten, reiste mein Mann in die Türkei, lebte und arbeitete dort für ungefähr ein Jahr.
Als sie das hörten, sagten sie sofort nur „OK, wir müssen das Gespräch auf der Polizeistation fortführen und, dann haben sie ihn rausgebracht.”

Er kam in dieser Nacht nicht zurück. Es ist über zwei Jahre her als Frau Mezensof ihren Ehemann zum letzten Mal gesehen hat.

Nachdem Herr Taher drei Tage lang von der örtlichen Polizei befragt worden war, wurde er für 10 Monate in ein Internierungslager gebracht, bevor er in ein Konzentrationslager gebracht wurde.

Kurzes Wiedersehen

Herr Taher wurde am 22. Mai 2019 unerwartet freigelassen, sagte Frau Mezensof.

Einige Wochen später traf sich das Paar am Flughafen Urumqi wieder.

„Ich war auf der Arbeit, als ich den Anruf erhielt, mir war fast nach Schreien zumute “, erinnerte sich Frau Mezensof.

„Ich war so voller Hoffnung und mir so sicher, dass er diesmal mit mir (nach Australien) zurückkommen würde.”

Später erzählte Herr Taher ihr, was  hinter den hohen Mauern des Konzentrationslagers geschah.

Wieder fortgebracht 

Herr Taher erscheint während seiner Inhaftierung als Studierender.

„Er sagte, es sei eine ständige Gehirnwäsche gewesen … es klang einfach verrückt”, sagte Frau Mezensof.

„ Über die Kommunistische Partei China lernen: Bücher lesen und Reden auswendig lernen. Nachdem sie ihn freigelassen hatten, überwachten ihn die Polizeibeamten immer noch sehr strikt.“

„Sie haben ihn immer dann angerufen, wenn sie die Möglichkeit dazu hatten. Es war eine ständige Überwachung.”

Frau Mezensofs sechsmonatiges chinesisches Visum lief aus, aber das Ehepaar hatte Tahers Pass von den chinesischen Behörden nicht zurückbekommen können.

Nachdem ihr Antrag auf Verlängerung des Visums abgelehnt worden war, musste sie Ostturkestan/ Xinjiang verlassen und kam Ende 2019 nach Australien zurück.

Das uigurische Ehepaar verbrachte seine Flitterwochen in Turpan, einer Stadt in Ostturkestan/Xinjiang, in der Baumwolle und Trauben geerntet werden. (Foto: Mehray Mezensof)

Frau Mezensof plante nach China zurückzukehren. Sie wurde jedoch durch die Coronavirus-Pandemie daran gehindert. Das Paar konnte nicht reisen und blieb somit telefonisch in Kontakt.

Am Morgen des 19. Mai 2020 bemerkte Frau Mezensof jedoch, dass etwas nicht stimmte: Ihre Nachrichten blieben stundenlang unbeantwortet.

„Ich war fast am Durchdrehen … jedes Mal, wenn ich eine SMS schrieb, antwortete er mir normalerweise immer “, erinnerte sie sich.

Herr Taher erfreute sich einer kurzen friedlichen Zeit als er das erste Mal entlassen wurde. (Foto: Mehray Mezensof)

„Ich habe ihn ständig über Videoanruf kontaktiert und er ist einfach nicht rangegangen.
Dann fand ich heraus, dass (die Polizei) gekommen war und ihn wieder mitgenommen hatte.”

Sie sagte, ihr Mann sei an diesem Tag erneut inhaftiert und vermutlich bis zum 30. August 2020 in einem Lager festgehalten worden.

Tahers unbefristete Aufenthaltsgenehmigung in Australien war ihm kurz vor seiner Freilassung zugeteilt worden.

Aber nur Wochen später wurde Herr Taher zum dritten Mal festgenommen.

7:30 sah sich eine Mitteilung über seine Festnahme durch die Hami-Polizei am 23. Oktober 2020 in Ostturkestan/ Xinjiang, an.

Der Mitteilung zufolge wurde Taher wegen des mutmaßlichen Verbrechens der „ Gründung, Führung und Beteiligung einer terroristischen Organisation” verhaftet und im Internierungslager des Bezirks Yizhou in Hami, südöstlich der Hauptstadt Urumqi gefangen gehalten.

„Extrem hartes Urteil 

Frau Mezensof sagte, die Gerichtsverhandlung ihres Mannes
zu der seine Familie mitanwesend gewesen war, habe im Januar in Hami stattgefunden.

Vor zwei Wochen, am 1. April wurde er zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt, sagte Frau Mezensof.

„Mein Mann war von der (Kommunistischen Partei Chinas) wegen seines Aufenthalts in der Türkei zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden”, sagte sie.

Die der 7:30 vorgelegten Reisedokumente zeigen, dass Taher 2014 mit einem Touristenvisum in die Türkei gereist und 2015 mit einem Studienvisum ins Land zurückgekehrt war. (Foto: Mehray Mezensof)

In ihren Augen wurde er wegen „Separatismus“ verurteilt. Sie warfen ihm die Organisation und Teilnahme politischer Aktivitäten zur Etablierung eines unabhängigen Staates, vor.

„Es ist einfach ungeheuerlich. Der Grund dafür, weshalb er in die Türkei ging war Urlaub. Und er mochte es wirklich dort zu sein. Deshalb hat er entschieden, ein bisschen dort zu leben und zu arbeiten.” 

Die chinesische Botschaft in Australien und das chinesische Außenministerium beantworteten die Fragen des 7.30 bis zur gesetzten Deadline nicht.

Frau Mezensof sagte, dass weder sie selbst noch die Familie ihres Mannes in Ostturkestan/ Xinjiang ein schriftliches Gerichtsdokument oder eine Mitteilung über die Verurteilung ihres Mannes erhalten
hätten.

7.30 hat sich um Tahers Urteil zu erlangen mehrmals an die regionale Behörden in Hami gewandt, um seinen Aufenthaltsort zu überprüfen – die Versuche blieben erfolglos.

Sein Name erscheint auf Chinas „Gerichtsverfahren-Infoweb“
nirgends.

Die Antwort auf das polizeiliche Auskunftsersuchen wurde 7:30 von den türkischen Behörden im Januar 2017 erteilt. Darin ist aufgeführt, dass Taher „keine Vorstrafen” hat.

Frau Mezensof sagte, sie wolle mit ihrem Ehemann zusammen sein und ein normales Leben führen. (Foto: Mehray Mezensof)

„Ich erinnere mich, dass ich nur gesessen, geweint und meinen Kopf geschüttelt habe”, sagte Frau Mezensof, als sie sein Urteil erfuhr.

„Er ist jetzt 30, wenn er diese 25 Jahre hinter sich hat, wird er 55 und ich über 50 sein … das kann nicht wahr sein.”

Sophie Richardson, die chinesische Direktorin der internationalen Interessenvertretung Human Rights Watch (HRW), sagte, der Fall sei „schrecklich”.

„25 Jahre stellen einen massiven Ausreißer dar. Das ist eine außerordentlich harte Strafe”, sagte sie zu 7.30 Uhr.

Eine der von uns aufgedeckten Informationen war eine Liste der chinesischen Regierung, mit 26 sogenannten „sensiblen Ländern“. Viele unter ihnen stellen die muslimische Mehrheitsbevölkerung dar, und auch die Türkei steht auf dieser Liste.

„ Sie ist ein sehr oft besuchter Ort für Menschen uigurischer Volkszugehörigkeit, fürs Studium, Urlaub oder Geschäfte zu machen, und vermutlich war dies der Auslöser hier.”

Sophie Richardson, die China-Direktorin der Human Rights Watch sagt, die uigurische Gemeinschaft habe enorm gelitten. (ABC News: Brad Fulton)

Quelle: ABC News

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