Mihray Erkin: Die sinnlose Ermordung einer jungen uigurischen Frau

Bitter Winter am 03.06.2021

Übersetzung aus dem Englischen von Uigur Zeiten

Ihr im Exil lebender Onkel, Abduweli Ayup berichtete von seiner Nichte, die im Gefängnis ums Leben kam. Sie wurde ermordet, weil sie mit ihm verwandt war.

Abduweli Ayup spricht über den Tod seiner verstorbenen Tochter

„Falls ich sterbe und in einem Grab begraben werde, soll ein Strauß roter Pfingstrosen meinen Grab kennzeichnen.“

Dies war Mihray Erkins letzte Textnachricht an eine Freundin, den sie ihr aus dem Flughafen Tokio, nur zwei Stunden vor Abflug in ihr Heimatland- auf dem Weg ins Ungewisse- zum Abschied hinterlassen hatte.

Mihray vermutete bereits, dass sie aufgrund Chinas Kampagne des ‚Harten Durchgreifens 2016‘ in ihrer Heimat Ostturkestan in Schwierigkeiten kommen könnte.

Ihre schlimmsten Vorahnungen waren berechtigt, denn schon innerhalb eines Jahres würde sie nicht mehr am Leben sein.

Mihray studierte ab 2014 in Japan. Sie galt als brillante Biotechnologie-Wissenschaftlerin und trat später dem Forschungsteam des japanischen Nara Institute of Science and Technology bei. Bald wollte sie promovieren.

Mihray (links) mit ihrer Familie

Plötzlich erhielt sie im Juni 2019 Anrufe von ihrer verzweifelten Mutter, die sie bat zurückzukehren, damit sie sich ,um ihre Eltern kümmern‘ könne. Bei Mihray gingen die Alarmglocken an, die sie nicht ignorieren konnte.

Freunde versuchten sie davon abzubringen in ihre Heimat zurück zu kehren. Aber sie fürchtete darum, ihre Familie zu gefährden, wenn sie nicht zurück ging.

„Mir wurde von klein auf beigebracht, dass Kinder ihren Pflichten gegenüber ihren Eltern nachkommen und an ihrer Seite sein sollten“, schrieb sie einer ihrer Freundinnen per SMS.

Alle Warnungen waren vergebens:

„Glaube, Halal-Essen, *Namaz, Kopftücher, alles ist fort “, warnte ein Freund, der in Japan blieb.

„Wir werden unseren Glauben fest in unserem Herzen behalten. Wir werden weiterhin *Namaz machen“, antwortete sie.

Ihr Onkel, Abduweli Ayup, der Schriftsteller und Aktivist ist und in Norwegen im Exil lebt, ist unglücklich seit die Nachricht über ihren Tod diese Woche vom Sender ‚Radio Free Asia’ bestätigt wurde.

„Ich bin am Verzweifeln. Es ist so schwer die Realität zu akzeptieren. Ich hasse mich selbst dafür, weil ich niemanden retten kann und auch noch meine Nichte dort verloren habe“, schluchzte er.

Mihray in Japan

Laut dem Bericht des ‚Radio Free Asia’ war Mihray während sie im
Internierungslager in Kashgar festgehalten und von Regionalbeamten befragt wurde, möglicherweise als Folge einer Vernehmung ums Leben gekommen.“

Mihrays Onkel Ayup vermutete, dass sein eigener Aktivismus im Westen sowie seine Bemühungen die uigurische Sprache zu fördern, sei es durch Gründung einer Schule für uigurische Kinder oder Abhalten einer Muttersprachenkonferenz im Jahr 2013 in Kashgar maßgeblich für Mihrays Verhaftung verantwortlich waren.

Obwohl Ayup eine Genehmigung für das vier-Stunden-Seminar die o.g. Muttersprachenkonferenz erteilt worden war, wurden er und zwei weitere Mit-Organisatoren dennoch sogleich unmittelbar danach festgenommen und verurteilt. Er kam dafür für fünfzehn und qualvolle Monate ins Gefängnis. 2015 wurde er freigelassen und floh aus dem Land.

Fünf Jahre danach starteten die Lokalbehörden im Jahr 2020 in
Kashgar jedoch, während Maßnahmen der Regierung zur Verdrängung der uigurischen Sprache bereits mehrere Jahre liefen, eine eigene Kampagne, die ihn und muttersprachliche Enthusiasten diskreditieren sollten.

KPCH OPERATION:  „ABDUWELIS EINFLUSS AUSMERZEN“-

Die Operation „Abduwelis Einfluss ausmerzen “ führte zur Festnahme von 72 Teilnehmern der Konferenz von 2013. Ayup weiß immer noch nicht, was aus ihnen allen geworden ist. Und Mihray brachte sich mit viel Leidenschaft und Engagement für den Erhalt der uigurischen Sprache in seiner Sprachschule mit ein. Vermutlich war sie deshalb zur Zielscheibe dieser Kampagne geworden.

Mihray unterrichtet uigurische Kinder in Japan ehrenamtlich in ihrer Muttersprache

„ Ich weiß nicht genau, welcher Art von Folter und welche Art von Demütigung sie erlitt“, so Abduweli Ayup.

Abduweli und Mihray waren unter einem Dach, in einem Haushalt gemeinsam aufgewachsen, er war wie ein großer Bruder für sie.

Sie träumte davon, „viel Gutes auf der Welt zu bewirken “, sagte er. „Und jetzt ist sie weg.”

Mihrays  „einziges Verbrechen“ war, dass sie ihre Sprache liebte.

Mihray in Japan

Ayup ist wichtig, dass seine Nichte als die Person, die sie war in Erinnerung blieb und ihr Tod als sinnlose Verschwendung.

„Jeder einzelne der Millionen turkstämmigen Menschen der Chinas Gräueltaten zu Opfer fällt, ist ein Mensch und hat seine eigene Geschichte. Das sind Menschen, keine Zahlen. Wir können sie ( die Zahlen) lebendig machen, indem wir der Welt unsere Geschichten erzählen.“

Mihray schrieb aus der Abflughalle von Tokio eine SMS an ihre in Japan zurückgelassene Freundin, die versuchte, sie davon zu überzeugen, nicht zu gehen: „Mir wurde von klein auf beigebracht, dass Kinder ihren Pflichten gegenüber ihren Eltern nachkommen und an ihrer Seite sein sollten“ und  „Falls ich sterbe und in einem Grab begraben werde, soll ein Strauß roter Pfingstrosen meinen Grab kennzeichnen.“

Seit dem Bekanntwerden von Mihrays Tod in Haft haben weitere Recherchen des Senders ‚Radio Free Asia’ aufgedeckt, dass Abduweli Ayups Schwester, Sajidgul Ayup zu 12 Jahren und sein Bruder Erkin Ayup zu 14 Jahren Haft verurteilt wurden, was Abduwelis Annahme , dass er die eigentliche Zielscheibe sei, bestätigt.

Mihrays Onkel, Abduweli Ayup, vor der chinesischen Botschaft in London, in den Händen ein Bild von Mihray und einen Pfingstrosenstrauß.

„Wenn eigentlich ich eure Zielscheibe bin, bin ich dazu bereit, an ihrer Stelle bestraft zu werden, wenn China es möchte“ und „ Teilt mir das Datum und den Ort mit“ forderte er sie über sein Tweet am Freitag heraus.

GLUCKSMANNS PFINGSTROSENKAMPAGNE

Raphael Glucksmann, ein für die Anliegen der Uiguren hoch engagierter französischer Politiker und Mitglied des Europäischen Parlaments, startete Anfang Juni 2021 Mihray zu Ehren eine Social Media Kampagne.

 Raphael Glucksmanns  Pfingstrosenkampagnenfoto zum Gedenken an Mihray und aus Solidarität mit den Uigur:innen

„In Paris werden wir von heute bis zum 1. Juli – dem 100. Jahrestag der Kommunistischen Partei Chinas – Pfingstrosen vor der chinesischen Botschaft niederlegen“, teilte er über die Sozialen Netzwerke mit.

„Lasst uns diese Blumen, die sie so sehr liebte, zum Symbol der menschlichen Solidarität machen. Für Mihray. Und für die Millionen anderen Uiguren. Lasst uns hier die Stimmen derer sein, die dort zum Schweigen gebracht werden.“

 Kampagnenbild mit Mihrays letzten Worte an ihre in Japan zurückgelassene Freundin über die Pfingstrosen, die ihren Grab kennzeichnen mögen, wenn sie denn in einem Grab begraben würde.

*Namaz machen= täglich fünfmal zu verrichtendes Gebet

Quelle: Bitter Winter

Uigur Zeiten

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