Das Buch „Der perfekte Polizeistaat“ zeichnet ein Bild davon wie China Uiguren überwacht

WBUR-FM am 09.08.2021

Übersetzung aus dem Englischen von Uigur Zeiten

Eine Videoüberwachungskamera in Peking von Chinas Hikvision in der Nähe eines Werbeplakats auf einer Straße montiert.

Hast du dir schon einmal den Film „ Minoroty Report“ angeschaut?

Der Film handelt von einer Zukunftspolizei, die Hellseher und Technologie bei der Durchführung ihrer „präventiven Polizeiarbeit einsetzt“, um vorherzusagen, wer künftig ein Verbrechen begehen wird.

Laut dem Enthüllungsjournalisten Geoffrey Cain scheint China eine Version dessen entwickelt zu haben. In seinem neuen Buch „Der perfekte Polizeistaat“ berichtet er über Chinas riesige Überwachungssystem gegen turkstämmige Muslime, die ethnischen Minderheiten im Westen des Landes.

Cain erläutert am Anfang des Buches, dass das Ziel der Überwachung die sogenannte „Situation“ sei. Er sagt für die ethnischen Uiguren wäre „die Situation“ ihr Leben, welches sie vor den Behörden nicht all zu sehr enthüllen dürften.

„ Wenn du ‚in der Situation‘ lebst, würde das bedeuten, dass dein gesamtes Leben 24 Stunden am Tag im prädiktivem Polizeisystem von Kameras, künstlicher Intelligenz nonstop staatlich überwacht werden würde, um vorherzusagen, ob du in Zukunft ein Verbrechen begehen würdest oder nicht“, sagt Cain.

Die Massendatenbank heißt IJOP – Integrated Joint Operations Platform, die eine Polizeiplattform ist und Beamte „anstupst“, wenn sie glaubt, dass jemand für eine terroristische Tat anfällig ist. Anschließend werden die Personen von der Polizei besucht, verhört und in manchen Fällen in Konzentrationslager gebracht.

Die chinesische Regierung entsendet von ihm ernannte Betreuer zu den Familien, die tagelang mit ihnen im Haus leben sollen und deren Aufgabe es ist, „die Familie zur Parteiideologie zu befragen,“ erklärt Cain.

„ Nehmen wir mal an, du bist eine Frau deren Ehemann in ein Konzentrationslager gebracht wurde“, sagt Cain, „ du könntest morgens tatsächlich neben einem Mann aufwachen, einem staatlichen Betreuer, der zu euch geschickt wurde, um eure Familie zu überwachen.“

Interview Highlights

Kashgar, einer der großen Städte in Westchina, in der viele turkstämmige Muslime leben

„Es hatte Anfang 2010 – jetzt vor etwa 10 Jahren- eine Reihe von Terroranschlägen gegeben, die der chinesischen Regierung aufzeigten, dass es Unzufriedenheit in dieser Region gibt. Es gab Leute, die nach Syrien reisten, nach Afghanistan reisten, um den Dschihad zu erlernen, um möglicherweise zum Terroristen zu werden. Aber anstatt unter der Bevölkerung in dieser Region nach diesen Feinden zu suchen, beschloss die chinesische Regierung mit Rasterfahndungsansätzen zu reagieren.“

„Ich bin die letzten Jahre über viele Male in der Region gewesen und bei einem meiner jüngsten Besuche im Dezember 2017 konnte ich bei den normalen Bürgern erspüren, wie ihnen der Schrecken ins Gesicht geschrieben stand. Sie wirkten auf mich ,als ich sie ansah, als ob sie keine Identität besaßen und sie auch keine Emotionen zeigen wollten. Sie schienen ihre Köpfe gesenkt zu halten und schnell durch die Stadt zu gehen. So hielt sie weder jemand auf, noch fragte sie jemand nach Dokumenten oder Personalausweis. Es war wirklich ein Ort, an dem jeder wusste, dass er von diesen KI-Kameras beobachtet wurde und sich nicht sicher war, wann oder wo.

Über die Hauptfigur des Buches – eine junge Frau mit dem Pseudonym „Maysem“ – die in der Türkei im Ausland studiert und sich in dieser Maschinerie wiederfindet, die die Uiguren ausspioniert

Wenn Uiguren ins Ausland reisen, intellektuelle Interessen verfolgen oder sagen wir verbotene Literatur wie den Koran lesen, werden die Behörden ihnen gegenüber zutiefst misstrauisch.

Maysem war in der Türkei, um ihren Master zu machen und würde jeden Sommer nach Hause zurückkehren. Sie kam eigentlich aus einer gut situierten, ja sogar einer Elitefamilie, auch wenn sie der uigurischen Volksgruppe angehörte. Aber das System hatte gerade begonnen sich gegen sie zu richten, als sie dieses Mal wie jeden Sommer nach Hause zurückkehrte.

Letztlich war sie in ein Umerziehungslager gekommen, das jedoch ein Konzentrationslager war. Und zunächst hatte sie 6 Stunden am Tag ,Unterricht‘. Ihr wurde auch gestattet nach Hause zu gehen, aber dann wurde sie in ein Konzentrationslager mit einem Hochsicherheitsgefängnis gebracht, „das Straflager“ genannt wurde.

Unter Zwang musste sie sich bizarren und unsinnigen Ritualen unterziehen, die sie psychisch und physisch foltern sollten. Sie erkannte schnell, worauf dieses System aus war: nämlich auf ein Massenversuch das Erbe, die Kultur und Identität eines ganzen Volkes auszulöschen!

Die angewandte Technologie hat sich im Laufe der Jahre entwickelt: Erkennung von Stimmen oder Gesichtern

„Eine Mischung aus KI, Gesichts- und Spracherkennung…auch die Massendatenerfassung über Smartphones, insbesondere über die WeChat-App. Die Sache an der Technologie ist, dass sie neu und neuartig ist. Ich habe während meines Berichts aber ebenso festgestellt, dass die Technologie den Eindruck erweckt hat, extrem fortschrittlich zu sein, was sie in der Tat jedoch nicht wirklich ist. Ein Blick unter die Haube verrät, dass es sich um eine Rasterfahndung handelt und wirklich nicht, um ein ausgeklügeltes anspruchsvolles Unterfangen bestimmte Personen oder bestimmte Plätze in Visier zu nehmen. Massendaten darüber, was jede einzelne Person tut werden gesammelt und Zusammenhänge gezogen, die für die Menschen nicht wirklich Sinn machen.“

Über chinesische und US-amerikanische Unternehmen, die diese Technologie entwickeln und wie eng sie mit der Kommunistischen Partei verbunden sind

Es gibt zwei Unternehmergruppen, die beim Erfassen der Übewachungsdaten in Ostturkestan/ Xinjiang beteiligt sind. Chinesische Firmen, die nach chinesischem Recht in der Pflicht stehen das zu tun, was die Kommunistische Partei möchte, wenn es um die Fragen nationaler Sicherheit geht. Und Chinas multinationale Konzerne, die‚ Gesichtserkennung‘ und ‚Spracherkennung’ exportieren. Viele ähnliche Technologien, die in Ostturkestan/ Xinjiang zum Einsatz kamen, werden nun an Regierungen und Polizeibehörden der Länder wie Afrika südlich der Sahara, Uganda, Kenia, an Zentralasien und Usbekistan verkauft.

„Das sind Regime, die autoritär sein können, die Opposition ausspionieren und so weiter. Es ist wirklich eine beängstigende Entwicklung, dass China diese Technologie exportiert. Aber wir können nicht nur chinesischen Unternehmen die Schuld dafür geben, weil amerikanische Firmen maßgeblich an der Schaffung eines Großteils des chinesischen Überwachungsstaates beteiligt waren. Amerikanische Firmen, die sich auf die Lieferung der Halbleiterchips für die chinesische KI einließen.“

„Es war sehr schwierig dieses Buch zu verfassen. Wann immer ich nach Ostturkestan/ Xinjiang ging, wurde ich durch die staatliche Überwachung aufgespürt: sie wissen, wie sie dich schnell finden und wieder schnell raus bekommen können, wenn ihnen nicht gefällt, was du tust. So konnte ich meinen Bericht größtenteils mithilfe der Flüchtlinge zusammenstellen. Ich verbrachte drei Jahre in der Türkei, wohin die meisten Flüchtlinge gegangen waren. Es waren die Uiguren, die richtig heldenhaft ihre Geschichten erzählten. Vollkommen darüber bewusst dadurch das Leben ihrer Familien zu gefährden. Sie möchten wirklich sichergehen, dass die Welt darüber erfährt.“

Quelle: WBUR-FM

Uigur Zeiten

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