„Als ich erfuhr, was in Xinjiang( Ostturkestan) geschah, brach mir das Herz“

Radio Free Asia am 02.09.2021

Übersetzung aus dem Englischen von Uigur Zeiten

Die chinesisch schwedische Designerin Louise Xin widmete ihre digitale Modeschau den UigurInnen.


Die chinesisch schwedische Designerin Louise Xin präsentierte in der Stockholmer Fashion Week in Form einer digitalen Modenschau ihre neue Couture Kollektion. Das Highlight stellte die bewegende Szene dar, in der ein Model in einem Mantel mit „Zeitungsabdruck“-Motiv bekleidet, einen Banner mit der Aufschrift „Free Uyghur: End All Genocide“ aufrollte. Im Interview mit Nuriman Abdurashid vom RFA sprach Louise Xin über ihre tiefe Betroffenheit gegenüber der tragischen Situation der Uiguren und wie es dazu kam, dass sie ihre allererste Modenschau, digital in Form eines fünfminütigen Videos, der uigurischen Gemeinschaft widmete. Die gebürtige Chinesin berichtete u.a. darüber, wie sie von Jewher Ilham, der Tochter des inhaftierten Sacharow- Preisträgers 2019, Ilham Tohti, der ein uigurischer Menschenrechtler ist, unterstützt wurde, um auf den Einsatz der UIGUREN- ZWANGSARBEIT in der Bekleidungsindustrie hinzuweisen.

RFA: Wie kam es dazu, dass Sie Couture verwenden, um Bewusstheit für die Thematik „Ausbeutung der Uiguren“ zu fördern?

Louise Xin: Ich glaube daran, dass all‘ die Probleme, die auf dieser Welt von Menschen geschaffen sind, wirklich auf der falschen Annahme beruhen, dass wir Unterschiede zwischen uns machen. Es gibt ein „wir“ und ein „sie“. Wir sind Afrikaner, Chinesen, Muslime; wir sind unterschiedlich. Wenn wir anstelle nur der Unterschiede, sehen würden wie ähnlich und verbunden wir uns einander sind, wird es nichts geben, was eine Person einem anderen antun könnte, um ihn letztlich zu beeinträchtigen. Wir sind wirklich alle miteinander verbunden. Nicht nur wir, sondern auch die Tiere in der Natur. Wenn wir einfach verstehen würden, dass wir uns auf Kosten anderer, der Natur und der Tiere, keinen Vorteil verschaffen. Und wir begreifen, dass alles was wir tun, auf uns zurückfallen wird. Mit dieser Überzeugung setzte ich den Plan um, weil für mich Nachhaltigkeit und Diversität kein Trend sind, auf welchen ich meinen Fokus gerade einfach so richte. Sie gehören zum ein und dem selben Problem oder Thema. Was auch immer erforderlich ist, wir müssen zu einer besseren Gesellschaft beitragen. Wir sollten alles tun, um die Welt so zu verlassen, dass sie ein klein wenig besser ist, als wie wir sie vorgefunden haben. Wenn jedermann dieses Mindset hätte, würden wir eine erstaunliche und magische Welt haben. Und so kam es, dass ich meine allererste Modenschau der uigurischen Community widmete, weil ich selbst Chinesin bin. Als ich herausfand, was in Xinjiang (Ostturkestan) passiert, brach mir wirklich das Herz. Zuerst konnte ich es nicht wahrhaben , weil es gegen alles war, an das ich vom Kindesalter an bis heute glaubte. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie wir heute in 2021 so etwas Schreckliches zulassen konnten, und nichts weiter tun. Ich versuchte durch Zusammenarbeit mit politischen Parteien etwas zu bewirken, an die Regierung und Hilfsorganisationen heranzutreten, aber holte mir dabei allerorts „Abfuhr“ ein. Ich fühlte mich in meinem ganzen Leben noch nie so hoffnungslos und noch nie so klein. Und dann hielt ich für einen Moment lang Inne und realisierte, dass der einzige Weg zu helfen, über meine Kreativität, meine Mode und meine Kleider gehen würde. Und so entstand die Show!

Gerade habe ich einen Spendenaufruf über GoFundMe für uigurische Kinder im Exil gestartet, wovon sich die meisten derzeit in der Türkei befinden. Ich denke, dass jemand, dem man einen Fisch gibt für einen Tag lang Nahrung hat. Wenn ihm das Fischen beigebracht würde, jedoch für sein gesamtes Leben lang Nahrung hätte. Es gibt diese Schule dort, die diese Kinder ausbildet und sie wie eine Art Familie beschützt. Ich finde das großartig und möchte sie wirklich unterstützen. Diese Kinder sind wie wir. Es gibt keinen Unterschied zwischen uns und ihnen. Auch sie haben Träume und Hoffnungen. Ich hoffe wirklich, dass mit dem GoFundMe (Aufruf) und dem (Fashion)-Projekt ihre Träume verwirklichen zu können!

RFA: Was inspirierte Sie dazu eine Modenschau dieser Art zu organisieren?

Louise Xin: Es kam dazu als ich am Tiefpunkt meines Lebens angekommen so traurig über alles war, was in meinem persönlichen Leben geschah. Dann dachte ich an diese Menschen, die 10.000 fach durchleben mussten, was ich erlebte und wusste, dass ich ihnen helfen würde. Ich sagte mir, dass ich nicht länger sitzen und mich selbst weiter bedauern könnte während es so viele Menschen da draußen gab, die nicht einmal selbst ihre eigene Stimme erheben konnten. Dieser Gedanke bestärkte mich so sehr, dass ich die Kraft dazu fand, diese Modenschau zu organisieren. Das ist für mich der Grund, weshalb mich seit über einem Jahr, seit ich diese Marke gegründet habe, die Leidenschaft packt. Es ist nicht nur ein Trend, sondern auch etwas wodurch ich versuche mich selbst weiterzuentwickeln und für einen längeren Zeitraum das zu tun, was in meiner Macht steht. Zur selben Zeit sprach ich mit einer Freundin und erzählte ihr, dass ich nicht verstehen konnte wie andere Leute sich nicht am Boden zerstört fühlten, wie ich wegen des Genozids (an den Uiguren), weil es das Schlimmste ist, das nach dem Holocaust geschah. Wie können Leute das wissen und wie kann es sein, das es sie so wenig bekümmert? Meine Freundin sagte dazu, dass sich jeder zu anderen Dingen, die vom eigenen Background abhängen, hingezogen fühlt. Ich fühle mich dazu hingezogen, weil ich aus China komme, und es mir nahe ist. Deshalb lud ich all diese Modells zur (Teilnahme an der digitalen Modenschau) ein. Sie haben alle unterschiedliche Backgrounds und die meisten von ihnen schafften es aus ihrer eigenen Leidenschaft heraus. Sie zelebrierten die Menschenrechts-Thematiken und da ich diese Show dazu gebrauchte, die Stimme der uigurischen Community zu erheben, wollte ich auch, dass sie ihre Stimme erhebten für das, was sie mit Leidenschaft packt.

RFA: Auch wenn viele Bekleidungshersteller über die Uiguren-Zwangsarbeit bei der Herstellung der Kleidung Bescheid wissen, haben sie den Handel mit China weiter betrieben. Was ist ihre Botschaft an die Bekleidungsindustrie?

Louise Xin: Ich würde ihnen gerne sagen wollen, dass ich sie zunächst verstehe. Ich verstehe sie, dass sie viel zu verlieren hätten, da wir am Ende des Tages alle Menschen sind und versuchen unser Lebensunterhalt zu verdienen. Hinter einer riesigen Firma, einer riesigen Marke steckt auch eine Person, die ein Herz hat und Emotionen fühlt und sich sorgt. Genau diese Person ist die Person, die ich gerade anspreche. Ich hoffe wirklich, dass wir verstehen können, wie mächtig wir eigentlich sind und keine Angst haben müssen. Denn, wenn Menschen vereint sind, können sie wirklich so viel tun, um (die Welt) zu verändern. Die Macht (der Einzelpersonen) ist mächtiger als die Macht der Unternehmen, Staaten oder etwas, das gegen uns sein kann. Ich glaube daran, dass sobald du die Herzen der Menschen erwärmst, alles andere (folgen) wird. Das Schlimmste ist also, dass du am Anfang vielleicht Geld verlieren wirst, wenn du sie unterstützt. Vielleicht haben viele Marken deshalb große Angst davor. Aber was könnte schlimmer sein, als die eigene Menschlichkeit zu verlieren? Ich verstehe sie total. Ich verstehe, dass viel auf dem Spiel steht. Aber ich meine, dass wir, wenn wir nur aus Courage anstatt aus Angst handeln würden, eine ganz andere Art der Industrie und der Gesellschaft haben würden.

RFA: Hätten Sie noch weitere Pläne dieser Art, um die Bewusstheit für die Thematik der Uiguren-Zwangsarbeit weiterhin zu schärfen?

Louise Xin: Während ich diese Show auf die Beine stellte, kam ich in Kontakt mit dieser erstaunlichen Freundin. Jewher, mit der ich auf Instagram ein Live- Interview haben werde. Wir werden über die Uiguren-Zwangsarbeit reden und darüber, wie wir unsere Macht als Gesellschaft dazu gebrauchen könnten, um sie zu beenden und wie wichtig es ist. Sie wird darüber sprechen, wie wir diesen Handlungsaufforderung (Call to Action-Aufruf) unterstützen müssten. Ich möchte wirklich, dass sich so viele Menschen wie möglich den Live Talk ansehen könnten, weil das was sie zu sagen hat, wirklich äußerst wichtig ist. Ich habe gerade die letzten zwei bis drei Tage so viel über sie und die ganze Situation gelernt.

Quelle: Radio Free Asia

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