Akademiker und Schriftsteller

Uigurischer Onkologe über hohe Krebsrate unter Uiguren aufgrund chinesischer Atomtests vor 20 Jahren alarmiert

 

Enver Tohti

Bild: DVTV


Uyghur Times: 
Anne Kader vom 22.03.2022

Übersetzung aus dem Englischen von Uigur Zeiten 

Uigur Zeiten am 23.03.2023

 

Dr. Enver Tohti ist ein in London lebender Uigure und ein Onkologe. Vor zweiundzwanzig Jahren beschloss er, an einem britischen Dokumentarfilm mit dem Titel „Death on the Silk Road" zu Deutsch „Tod auf der Seidenstraße“ mitzuwirken, um die negativen Auswirkungen der chinesischen Atomtests auf die Gesundheit der Uiguren in ihrer Heimat aufzuzeigen.

 

 

Interviewer: Dr. Tohti, was hat Sie dazu veranlasst, 1998 die Auswirkungen der Atomtests aufzudecken, die China in der Heimat der Uiguren durchführte?

 

Tohti:  Alles begann mit einem harmlosen Witz, den mein Chefarzt mir beiläufig erzählt hatte. Wir arbeiteten beide in einem staatlichen Krankenhaus, das an das Eisenbahnbüro angeschlossen war. Er wies darauf hin, dass von den vierzig Krankenhausbetten dreißig von Han-Chinesen belegt wären, dagegen fünfundzwanzig Prozent (10) der Betten von Uiguren und Kasachen. Er deutete an, dass diese ethnischen Gruppen ungesund zu sein schienen. 

 

Ich genoss meinen guten sozialen Status als Onkologe in diesem Krankenhaus, und seine Behauptung verärgerte mich. Ich war immer stolz auf den munteren nomadischen Lebensstil der Uiguren und Kasachen gewesen, von denen viele lebhaft und körperlich fit waren. Die Äußerungen des Oberarztes hatten mich alarmiert.

 

Das Eisenbahnbüro, zu dem unser Krankenhaus gehörte, hatte etwa 150.000 chinesische Angestellte und fünftausend Angehörige anderer ethnischer Gruppen. Die Zahl der Han-Chinesen war dreißigmal höher als die Zahl der Beschäftigten anderer ethnischer Gruppen. Zehn Krankenhausbetten waren für 5.000 Uiguren und Kasachen vorgesehen, während 30 Betten für die 150.000 Han-Chinesen bestimmt waren. Das Ungleichgewicht war alarmierend.

 

Da das Krankenhaus dem Eisenbahnbüro gehörte, wurden dort nur Angestellte der Bahn behandelt und die Öffentlichkeit war nicht zugelassen. 

 

Hätte der Oberarzt nicht den Witz gemacht, wäre das auffällige Zahlenverhältnis unbemerkt geblieben. „Warum hatten die anderen ethnischen Gruppen viel mehr Krebsfälle als die Han-Chinesen?“, fragte ich mich. Meine Überlegung ging mir nicht aus dem Kopf, was ich entdeckt hatte, und so begann ich mit meiner Untersuchung.

 

 

Interviewer: War es öffentlich bekannt, dass China in Ihrem Gebiet Atomtests durchführte?

 

Tohti: Ja, diese Tests waren allgemein bekannt. Die chinesischen Medien berichteten regelmäßig darüber, indem sie verkündeten: „Unser großartiges Land hat eine weitere Atomwaffe erfolgreich getestet, und das imperialistische Amerika wird zu Tode erschrecken."

 

Interviewer: Haben Sie als Onkologe auf die Auswirkungen dieser Tests geachtet?

 

Tohti: Da dies nicht genau mein Fachgebiet war, habe ich mich nicht damit befasst und die Zusammenhänge damals nicht erkannt. Als ich beschloss, genauer zu forschen, fühlte ich mich beunruhigt. Ich arbeitete im Zentralkrankenhaus des Bahn-Büros (es gab vier Niederlassungen in Xinjiang), das Krebspatienten aus verschiedenen Teilen der autonomen Region aufnahm.

 

Ich habe mehr als zweitausend Fälle untersucht, leider nicht sehr detailliert. Ich sammelte grundlegende Informationen, z. B. wo die Patienten gearbeitet hatten, wo sie wohnten und welche Diagnose sie hatten. Meine Recherchen waren nicht besonders umfassend, da ich sie allein durchführte. Die Ergebnisse reichten mir jedoch aus, um Schlussfolgerungen zu ziehen: Vier Krebsarten standen ganz oben auf der Liste: Leukämie, Lungenkrebs, Maligne Lymphome und Schilddrüsenkrebs. 

 

Der gemeinsame Nenner dieser vier Krebsarten ist, dass sie alle vier oftmals durch Strahlung verursacht werden. Ich versuchte herauszufinden, warum diese vier Krebsarten bei vielen Uiguren und Kasachen weit verbreitet sind. Ich griff auf meine medizinischen Lehrbücher zurück und beschäftigte mich eingehender mit diesen verschiedenen Krebsarten. Als die Strahlung als mögliche Ursache auftauchte, verstand ich sofort den Zusammenhang. Wir alle wissen, dass Atomwaffen- Explosionen Strahlung erzeugen.

 

Ich war entsetzt über meine Erkenntnisse. Die chinesischen Medien hatten sich mit der „hochmodernen" chinesischen Nukleartechnologie gebrüstet. Ihre Atomwaffen würden angeblich weder der Umwelt noch dem Leben der Menschen schaden. Wie naiv war ich doch gewesen, zu glauben, dass Atomwaffen der Zivilbevölkerung keinen Schaden zufügen würden. Ihr eigentlicher und alleiniger Zweck ist, zu töten! 

 

Interviewer: Fanden diese Atomtests an einem bestimmten Ort statt?

 

Tohti: Wenn China Atomtests durchführt, werden in der Regel die Standorte gewechselt. Sie kehren nie an denselben Testort zurück, sondern führen den nächsten Test mindestens hundert Kilometer vom vorherigen Ort entfernt durch. 

 

Die Beamten sollen in der Gegend von Lopnur Atomtests durchgeführt haben. In Wirklichkeit befand sich das Testgelände nicht in Lopnur. Meiner Meinung nach war Lopnur nur eine Vertuschung, während der tatsächliche Standort am Bostan-See lag, der sich ganz in der Nähe der Stadt Korla befindet. Das Testgelände liegt zwischen Lopnur und Korla. Der Standort liegt viel näher an zivilen Gebieten, als die Regierung bisher behauptet hatte. Google Earth" zeigte vor mindestens zehn Jahren alle Atomtestgelände an, auch die um Lopnur.

 

Bild: Google Earth
Bild: Google Earth

Interviewer: Wie sind Sie mit Channel 4 News in Kontakt getreten, und welche Risiken waren mit der Offenlegung Ihrer Erkenntnisse verbunden?

 

Tohti: Ich reiste im Dezember 1997 in die Türkei, wo ich mich im Februar 1998 mit dem Journalisten von Channel 4 traf. Sechs Monate später begleitete ich sie nach  „Xinjiang“.

 

Ursprünglich wollte Channel 4 News im April 1998 mit den Dreharbeiten für den Dokumentarfilm „Death on the Silk Road" über die gesundheitlichen Folgen der Atomtests in der Heimat der Uiguren beginnen. Im März brach unerwartet der Golfkrieg aus, und das Team musste in ein anderes Gebiet ausweichen, um über den Krieg zu berichten. Das Team beschloss, die Dreharbeiten auf die Zeit nach dem Ende des Krieges zu verschieben.

 

Ich wusste, wie die chinesischen Behörden arbeiten. In den folgenden Monaten war ich sehr besorgt und konnte kaum schlafen. Ich machte mir Sorgen über die Konsequenzen, die sich aus einer eventuellen Verhaftung ergeben würden. Das Projekt, das ich in Angriff nehmen wollte, kommt einem Hochverrat gleich, auf den in China die Todesstrafe steht. Die Anspannung beeinflusst mich bis heute. Ich habe Probleme, im Dunkeln zu schlafen, weil ich Albträume habe. Sie handeln immer wieder davon, dass ich von China gefangen genommen und eingesperrt werde. Manchmal lasse ich den Fernseher im Wohnzimmer an, um die verstörenden Träume zu vertreiben, und ziehe es vor, tagsüber zu schlafen. Allein das hat sich in den letzten vierundzwanzig Jahren katastrophal auf meinen persönlichen Alltagsrhythmus ausgewirkt.

 

Während der Dreharbeiten zum Dokumentarfilm behielt ich erstaunlicherweise die Nerven. Sowohl vor als auch nach dem Projekt war ich sehr nervös.

 

Interviewer: War Ihre christliche Überzeugung ausschlaggebend dafür, dass Sie die gesundheitsschädlichen Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung aufgedeckt haben?

 

Tohti: Ich glaube schon. Wenn ich zufällig ein Zeuge von etwas Ungerechtem werde, sollte ich das sagen. Andernfalls würde ich mich durch die Verwicklung schuldig machen. 

 

Interviewer: Sie wurden also Opfer möglicher chinesischer Vergeltungsmaßnahmen. Hat China reagiert, nachdem Channel 4 News die Dokumentation ausgestrahlt hat?

 

Tohti: China hat nicht öffentlich, sondern vielmehr auf sehr diskrete Weise reagiert. Die Dokumentation wurde im Oktober 1998 in Großbritannien ausgestrahlt, am selben Tag, als der damalige britische Premierminister Tony Blair seinen Besuch in China antrat.

 

Tohti verließ schließlich im Februar 1999 die Türkei und ging nach Großbritannien, wo er seither lebt.