Kommentar

Hawaguls Tränen: Was sie einem Uiguren sagen

Kok Bayraq/ Bitter Winter

 

Juni 21, 2022

 

Übersetzung aus dem Englischen von Uigur Zeiten

 

Uigur Zeiten 

 

Juni 21, 2022

 

 

 

Hawagul Tewekkul


Hawagul Tewekkuls Bild aus den Xinjiang Police Files

 

Das einprägsame Bild einer weinenden weiblichen Gefangenen aus eines der Lager in Ostturkestan/ Xinjiang hat die Welt bewegt. Für die Uiguren haben ihre Tränen eine tiefere Bedeutung.

 

„Ich kann Hawaguls Schmerz durch ihre Augen spüren", sagte Afzal Khan, ein britischer Abgeordneter, der das Bild der weiblichen Gefangenen Hawagul Tewekkul in den #XinjiangPoliceFiles sah. Das ist ein weit verbreiteter Gedanke in Bezug auf das ikonische Bild dieser Tage. 

 

Betrachtet man es jedoch mit den Augen eines uigurischen Journalisten, so haben diese Tränen eine gewisse Bedeutung. Im Jahr 2018 antwortete ein Polizeibeamter des Tokkuzak Vocational Training Center (VTC) auf die Frage eines Reporters: 

 

 Welche Anforderungen werden an ,Schüler' gestellt, wenn diese sich vor dem Bildschirm mit ihren Familienangehörigen treffen?"

 

Der Beamte antwortete:  „Eine der wichtigsten Anforderungen ist, dass sie nicht weinen dürfen".

 

„Was sind die Konsequenzen fürs Weinen?", fragte der Reporter.

 

Es werden Punkte abgezogen, die Dauer der „Ausbildung" wird verlängert, und es gibt keine weiteren Treffen mit Verwandten", sagte der Beamte.

 

Bemerkenswert ist, dass die Tränen im ausdrucksvollen Bild nicht nur den momentanen Schmerz widerspiegeln. Hawagul war tagelang bestraft worden, u.a. mit ständigem Kontaktverbot zu Familienangehörigen.

 

Die Lagerüberlebende Gulzira Auelkhan, die heute in den USA lebt, sagte in ihrer Zeugenaussage von 2019, dass Inhaftierte in den Lagern nicht weinen durften. 

 

Wenn sie es doch taten, wurden sie mit dem Gesicht zur Wand oder auf den Boden gedreht, damit sie nicht von Kameras erfasst wurden. 

 

Wenn sie beim Weinen erwischt wurden, wurden sie für vierundzwanzig Stunden in eine verdunkelte Zelle geschickt. Hawaguls Tränen deuteten darauf hin, dass sie mindestens einmal in einer verdunkelten Zelle war und im Gefängnis schwere Folter ertragen musste.

 

Im Jahr 2012, als der türkische Präsident Urumqi besuchte, wurde Patigul Ghulam, eine Mutter, die nach ihrem Sohn suchte, unter Hausarrest gestellt, weil sie vor einer Menschenmenge weinte. Die gleiche Strafe drohte ihr, als ein türkischer Oppositionsführer später im Jahr 2012 Urumqi besuchte, obwohl sie nichts sagte, sondern nur Tränen in den Augen hatte, als sie die ausländischen Besucher ansah.

 

Die Bestrafung setzte sich 2014 fort, während der Kampagne „Hartes Durchgreifen gegen Terrorismus". Sie wurde für zwei Jahre inhaftiert und der Weitergabe von Staatsgeheimnissen beschuldigt, nur weil sie in der Öffentlichkeit geweint hatte. 

 

Im Jahr 2017 wurde sie wegen ihrer „vergangenen Verbrechen" erneut inhaftiert.

 

Hawaguls Tränen deuten an, dass sie möglicherweise zu 10-15 Jahren Gefängnis verurteilt wird, wenn die „Berufsbildungszentren" 2019  „geschlossen" werden und die „Studenten ihren Abschluss machen".

 

Patigul Ghulam sagte damals: „Syrische Mütter sind glücklicher als ich; sie können die Leichen ihrer Kinder haben. Palästinensische Mütter sind glücklicher, [weil] sie weinen können, wenn sie Schmerzen haben."

 

Das Bild von Hawagul in Tränen zeigt vielleicht den einzigen Trost, den sie an diesem Tag hatte, ihren Schmerz freien Lauf zu lassen.

 

Als ein Reporter zu Patigul Ghulam sagte: „Ich möchte Sie nicht zum Weinen bringen, aber lassen Sie uns dieses letzte Gespräch führen", antwortete sie: „ Bitte nicht. Tränen sind meine letzte und einzige Waffe, und ich räche mich an den Mördern, die mein Kind gegessen haben, indem ich ihr Strafregister durch meine Tränen aufdecke."

 

Hawaguls Tränen können auch eine Waffe sein. Indem sie sie einsetzt, sagt sie vielleicht: „Der Ort, an dem ich untergebracht bin, ist ein Gefängnis, kein Ausbildungszentrum. Ihr bestraft mich, ihr bildet mich nicht aus". 

 

Sie könnte auch sagen: „Es ist eine Lüge zu sagen, dass alle Menschen in Ostturkestan/ Xinjiang sich ‚ so eng miteinander verbunden fühlen wie die Kerne eines Granatapfels'. Ihr zerstört uns", und „meine Heimat [Ostturkestan] war kein Teil Chinas; ihr [habt] sie gewaltsam besetzt."

 

Es ist bekannt, dass Weinen, das normalerweise ein Mittel zur Schmerzlinderung für Menschen ist, in Ostturkestan als Verbrechen zählt. Weinen ist manchmal auch ein Mittel, um an andere zu appellieren. Angesichts des Befehls von Xi Jinping, keine Gnade walten zu lassen, sind die Appelle der Uiguren nutzlose Mittel, die China nicht beeinflussen würden. 

 

Als Opfer und Zeugin der Inhaftierung von Millionen unschuldiger Menschen sollte Hawagul wissen, dass Appelle in diesem Moment nichts bewirken. So kann sie unter Tränen zu Gott (Allah) beten und sagen: „Wir haben keinen anderen Helfer auf der Welt als Dich. Bitte beende die Prüfungen und die Unterdrückung, nicht um meiner selbst willen, sondern um meiner Kinder willen und um ihres Glaubens willen."

 

Die Uiguren haben ein Sprichwort: „Ahlen kann man nicht in einer Tasche verstecken". Auch in die Irre geführte Besucher wie UNO- Kommissarin Bachelet obgleich hochrangig, haben korrupte Beamt:innen wie Alena Dohan die als aufgekaufte Expertin, Propaganda betrieb.

 

Hawaguls Tränen haben deutlich gemacht, was die „Berufsbildungszentren" wirklich sind und wie der Völkermord an den Uiguren weitergeht.

 

Hawaguls Tränen sind nicht nur ein Zeichen ihres Schmerzes, sondern auch ein Ventil für den nationalen Willen der Uiguren, die sich weigern, eine chinesische Identität anzunehmen. Sie sind ein Symbol für eine abweichende politische Meinung und Haltung gegen die Unterdrückung; ein Mittel zur Enthüllung der Wahrheit, um Geheimnisse und Gräueltaten aufzudecken, ein Werkzeug der einfachen Menschen, die sich gegen einen Völkermord wehren und dagegen kämpfen.

 

Als arrogante Macht in der heutigen Welt ignoriert China diese Waffe und verspottet die internationale Gemeinschaft bei jedem Beweis, die sie „Gerüchte" nennt. Die Geschichte der Menschheit hat viele arrogante Mächte scheitern sehen, als sie versuchten, sich mit Gott zu messen. Daher kann Hawaguls Waffe - die von Gott gegebenen Tränen - nicht nachgeahmt, gestohlen oder beschlagnahmt werden. 

 

China ist dem Untergang geweiht: nicht aufgrund eines Raketenangriffs der USA, einer russischen Atombombe, eines EU-Embargos oder unerwarteten Atomtests Nordkoreas, ganz und gar nicht. Es sind Hawaguls Tränen und deren Eigenschaft als gottgegebene Waffe. 

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