Kulturelle Zerstörung

ENTHÜLLT: Neue Videos decken Chinas Zwangsmigration von Uiguren während der Pandemie auf!

Juli 09, 2020
Bericht : Isobel Cockerell

 

Übersetzt vom Englischen ins Deutsche durch Uigur Zeiten

Juli 11, 2020

 

Dutzende chinesische TikTok-Videos zeigen, wie Uiguren während des Covid-19-Ausbruchs durch unfreiwillige Arbeitsprogramme zur Arbeit deportiert werden

 

Videos, die Hunderte Uiguren zeigen, die für Zwangsarbeit- Programme deportiert werden, haben ein neues Licht auf Chinas anhaltende Unterdrückung der ethnischen muslimischen Gruppe geworfen.

 

In den ersten Monaten des Corona- Ausbruchs riegelte die chinesische Regierung mehr als 50 Millionen Menschen in der Provinz Hubei ab. Sie sollten Zuhause bleiben, weshalb in den Städten im ganzen Land strenge Maßnahmen verhängt wurden. 

 

Filmmaterial, welches über soziale Netzwerke geteilt wurde deutet darauf hin, dass gleichzeitig eine staatlich vorgeschriebene Massenmigration von Uiguren in der nordwestlichen Provinz Xinjiang stattfand.

 

Im Januar tauchten Dutzende Videos auf Douyin – einer Version von TikTok, beide Videoportale wurden von derselben Firma hergestellt, auf. Douyin steht nur chinesischen Nutzern zur Verfügung.

 

Diese Videos zeigten Menschenmengen, die in Züge, Busse und Flugzeuge geladen wurden. Das Filmmaterial zeigt, wie Uiguren im Rahmen einer von Peking als „Armutsbekämpfung“ bezeichneten Initiative deportiert werden. 

 

Sie werden weit entfernt von ihrem Zuhause zu den streng überwachten Fabriken verschickt, wo sie für Arbeitsprogramme eingesetzt werden. Und werden dazu oft in bestimmte Arbeitsheime untergebracht.

 

 

 

 

 

 

Im Februar wurden weitere Videos von einem lokalen Medienzentrum der Stadt Hotan in Xinjiang veröffentlicht. In eines, steht eine Menschenmenge in Uniform gekleidet mit dazu passenden roten Anoraks, deren Gesichter mit OP- Gesichtsmasken verdeckt sind.

 

Jeder von ihnen trägt ein blaues Umhängeband und hat einen Koffer bei sich. In einer Bildunterschrift wird erklärt, dass die Männer und Frauen Wanderarbeiter seien und zum Abflug in die stark industrialisierten Küstenprovinzen Fujian und Guangxi bereit stehen würden.

 

Die chinesischen nationalen Staatsmedien berichteten auch über die Deportation, die Ende Februar stattfand – gerade als Chinas Coronavirus-Zahlen einen Höhepunkt erreicht hatten. In einem Bericht hieß es, dass man die Arbeiter „per Charterflüge, die nichts kosten würden” verschicke.

 

Ein weiteres Bild zeigte Männer und Frauen, kurz vor Abflug in die Provinz Hunan, wo sie bei einem Technologieunternehmen am Fließband arbeiten sollten. „Obwohl die Maske den größten Teil ihrer Gesichter bedeckte, konnte ich immer noch ihre Aufregung spüren”, sagte eine uigurische Frau dazu. In dem Artikel wurden ihre Worte zitiert: „Solange eure Hände und Füße schnell sind gilt: je mehr ihr tut, desto mehr werdet ihr verdienen.“ ( Propaganda Artikel der chinesischen Regierung )

 

Die chinesischen Behörden behaupteten dazu beizutragen,dass die Uiguren aus der Situation der Benachteiligung herausgeholt werden. „Wir werden unser Möglichstes tun, um Arbeitern, die bereit sind, so schnell wie möglich dazu zu verhelfen, dass sie zur Arbeit gehen. Es soll sichergestellt werden, dass man die Prävention und die Kontrolle der Epidemie als auch den Kampf gegen die Armut angeht “, so ein Sprecher des Ministeriums in Hotan für „Personale- und soziale Sicherheit” zur staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua.

 

Ein weiteres Video, das im März auf Douyin veröffentlicht wurde, zeigt laut der Bildunterschrift eine Gruppe von 850 Menschen, die nach Korla, Xinjiangs zweitgrößte Stadt gezogen ist, um in der Textilindustrie zu arbeiten. Maskierte Uiguren werden gesehen, die in einer Reihe laufen und sich anstellen, um ihre Temperatur überprüfen zu lassen, bevor sie in Busse und Züge steigen.

 

Experten und Menschenrechtsgruppen bezeichnen die von der Regierung vorangetriebene Umsiedelung der Uiguren als Ausweitung des chinesischen Systems zur Massenüberwachung und Indoktrination. Seit 2016 werden bis zu eine Million Uiguren und Angehörige anderer Turkvölker in Konzentrationslagern festgehalten, die von der Kommunistischen Partei Chinas als „Berufsbildungszentren“ oder „Umerziehungseinrichtungen “ bezeichnet werden. Das chinesische Außenministerium antwortete nicht auf Anfragen.

 

 

 

 

 

Darren Byler ist Anthropologe an der Universität Colorado und auf uigurische 

Studien spezialisiert. In Bezug auf das Arbeitsprogramm sagte er: „Es gibt sehr wahrscheinlich einen Umerziehungsaspekt oder eine wirklich strenge Form der Kontrolle in der Umgebung der Fabriken.“


Während der Pandemie gab es selten Informationen über Xinjiang. Es wurde berichtet, dass Uiguren in einigen abgeriegelten Gebieten, ihre Häuser nicht verlassen durften und auf staatliche Lieferungen von Grundversorgung angewiesen waren. Das in Washington DC ansässige „Uyghur Human Rights Project” ( UHRP) hat die Aufmerksamkeit auf ein in chinesischen sozialen Medien verbreitetes Filmmaterial gelenkt, in dem Menschen sagen, dass ihre Haushaltsgemeinschaften hungern würden.

 

Xinjiang hat seit Januar nur 76 Coronavirus-Fälle und sechs Todesfälle gemeldet. 

Im Ausland lebende Uiguren halten diese Zahlen angesichts der fast 22 Millionen Einwohner der Provinz für verdächtig niedrig.

 

Während Peking behauptet, dass „die meisten Menschen“ aus Regierungslagern entlassen und „in die Gesellschaft zurückgekehrt“ seien, glauben viele Beobachter, dass sie durch „die Arbeitsprogramme“ oder durch andere Form von Freiheitsentzug festgehalten werden.

 

Die chinesische Regierung versucht das Zwangsarbeitsprogramm als eine wohlwollende Initiative darzustellen, die den Menschen in einer historisch benachteiligten Region wirtschaftliche Möglichkeiten bietet. In den letzten Monaten haben staatliche Medien in Xinjiang berichtet, dass diese Praktika

„den Geist emanzipieren und alte Gewohnheiten beseitigen” würden.

 

 

Die 38-jährige Zumret Dawut verbrachte zwei Monate in einem Internierungslager in Xinjiangs Hauptstadt Urumqi. Dort erlebte sie stundenlange Indoktrination, in der sie geschlagen und gezwungen wurde und musste Propaganda der Kommunistischen Partei Chinas rezitieren. 

 

Ein Bericht der Associated Press (AP) im Juni ergab, dass China uigurischen Frauen Geburtenkontrolle und Sterilisation aufzwingt. Während ihrer Gefangenschaft erhielt Dawut regelmäßig Injektionen und Pillen, die sie beruhigten und ihre Menstruation stoppten. Nach ihrer Freilassung im Juni 2018 verließ Dawut Xinjiang. Im folgenden Jahr flog sie in die USA, wo sie jetzt lebt. 

 

Mit einem Handy, das sie aus China mitgebracht hat, kann sie immer noch auf Douyin zugreifen, das normalerweise außerhalb des Landes durch eine Firewall geschützt ist. „Ich habe zum ersten Mal Videos von Uiguren gesehen, die im Januar deportiert wurden”, sagte sie. Dawut beschäftigte sich via „Likes und Kommentare” mit dem Inhalt, sodass der Algorithmus der App ihr mehr zeigte. Obwohl ein Teil der ihr angezeigten Filme von staatlichen Medienagenturen stammte, wurden Dutzende Videos von Uiguren selbst gepostet. Sie bemerkte, dass Clips in der letzteren Kategorie alle dieselbe beeindruckende Wiedergabe des italienischen Protestliedes „Bella Ciao“ auf Chinesisch enthielten. „Ich muss sehr schnell sein, um diese Videos herunterzuladen”, erklärte sie, da die App sie normalerweise schnell löscht.

 

Auf die Frage, ob Douyin uigurische Inhalte zensieren würde, antwortete ein Sprecher per E-Mail , dass das Unternehmen „alle Nutzer auf ihrer Plattform gleich behandele, unabhängig ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit”.

 

Ein von Dawut gefundenes Video, das im März von einer Nachrichtenagentur in Xinjiang über Douyin veröffentlicht wurde, zeigt eine Gruppe von mehr als 500 Uiguren, die für ein Praktikum in Korla eintreffen. Das Filmmaterial zeigt ihre neuen Unterkünfte: Karges Zimmer mit Etagenbetten, gemeinsame Küchenzeile und einen gemeinsamen Wohnbereich.

 

Solche Schlafsäle sind oft ein Teil größerer Heime mit Wachtürmen und Indoktrinationszentren vor Ort. Diese Einrichtungen spielen eine wichtige Rolle in „Uyghurs for Sale” einem Bericht, der im März vom Australischen Strategic Policy Institute veröffentlicht wurde.

 

Die Autoren geben an, dass das Zwangsarbeitsprogramm eine „Umerziehung 2.0“ darstellt, bei der Uiguren nach langen Arbeitszeiten in Fabrikarbeiten einer obligatorischen Indoktrination unterzogen werden, und Inhaftierung fürchten müssen, wenn sie versuchen, aufzuhören.

 

In dem Bericht wird ausführlich auf uigurische Arbeiter eingegangen, die in Gruppen ( zu je 100) über Online- Foren angeboten und dann zum Arbeiten für Zulieferer von Internationalen Firmen wie einschließlich Apple, Nike und Gap verschickt werden. 

 

Dies erklärt auch, dass sich mit uigurischen Arbeitskräften lukrative Geschäfte machen lässt: Firmen, die Uiguren auf langfristiger Basis einstellen, erhalten als Bezahlung 720 US Dollar pro Person aus Xinjiang.

 

Eine Reihe von Anzeigen auf „Baidu” (=Chinas Suchmaschine vergleichbar mit Google) – deuten darauf hin, dass der Handel mit billigen uigurischen Arbeitskräften während der Pandemie großen Anreiz bot und florierte. 

 

In einer Anzeige vom April wurden „uigurische Xinjiang-Arbeiterinnen, alle weiblich, 18-35 Jahre alt, mit Chinesischkenntnissen, die Vereinbarungen einhalten“ würden angeboten. In einer anderen Anzeige Ende März heißt es, dass „die Regierung für Sicherheit sorgt“, und verweist ganz offen auf die weitverbreitete Wahrnehmung der Uiguren als gefährliche Extremisten. 

 

Dieser Post besagte, dass die Arbeiter unter 13 Yuan (1,86~US-Dollar) pro Stunde bezahlt werden könnten. Baidu antwortete nicht auf Anfragen nach den Kommentaren zu diesem Artikel.

 

𝗜𝗻 𝘃𝗶𝗲𝗹𝗲𝗻 𝗩𝗶𝗱𝗲𝗼𝘀 𝘀𝗽𝗶𝗲𝗹𝘁 𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗰𝗵𝗶𝗻𝗲𝘀𝗶𝘀𝗰𝗵𝗲 𝗩𝗲𝗿𝘀𝗶𝗼𝗻 𝗱𝗲𝘀 𝗶𝘁𝗮𝗹𝗶𝗲𝗻𝗶𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗩𝗼𝗹𝗸𝘀𝗹𝗶𝗲𝗱𝗲𝘀 „𝗕𝗲𝗹𝗹𝗮 𝗖𝗶𝗮𝗼“.

 

Zwangsarbeit ist auch Teil des Gefängnissystems von Xinjiang. Nursimangul Abdurashid (32) verließ die Provinz 2013. Sie lebt jetzt mit ihrem Ehemann und ihrer sechsjährigen Tochter in der Türkei, wo sie als Marketingleiterin arbeitet. Seit sie die Stadt Kashgar damals verlassen hat wurden ihre Eltern und beide Brüder verhaftet und das Haus der Familie steht jetzt leer.

 

Im Jahr 2017 erfuhr Abdurashid, dass ihr älterer Bruder in eine Elektronikfabrik gebracht worden war, um dort zu arbeiten, nachdem er wegen „angeblich nichtbeglichener Schulden” in einem Internierungslager in der Stadt Artush festgehalten wurde. 

 

Im selben Jahr wurde ihr jüngerer Bruder verhaftet und beschuldigt, „terroristische Aktivitäten geplant zu haben” nachdem er für ein Studium in der Türkei seinen Reisepass beantragt hatte.


Abdurashid erinnerte sich daran, wie verzweifelt er war, als er an der Universität war. „Er wollte Lehrer werden. Er hat seinen Traum aufgegeben “, sagte sie.


Abdurashid befürchtet nun, dass ihre beiden Brüder – 30 und 34 Jahre alt – tiefer in das Zwangsarbeitssystem von Xinjiang gedrängt werden. Jetzt durchsucht sie die Gesichter der uigurischen Arbeiter in Douyin-Videos und versucht herauszufinden, was mit ihnen passiert ist.

 

„Ich möchte sie zumindest lebend sehen”, sagte sie. „Es macht mich so traurig, so viele Jungen und Mädchen auf dem Weg in die Ungewissheit zu sehen.”

China-Experten glauben, dass Inhaftierungen und Zwangsarbeit Teil einer gezielten Strategie zur Zerstörung des uigurischen Lebens in Xinjiang sind. Während Sprache, Architektur, Religion und Kultur zur Zielscheibe der Pekinger Kampagne „Hartes Durchgreifen “ wurden, kann die erzwungene Migration von Tausenden Uiguren als Versuch angesehen werden, eine ganze Gemeinschaft auseinander zu reißen.

 

 

 

 

𝗘𝗶𝗻𝗲 𝗚𝗿𝘂𝗽𝗽𝗲 𝘃𝗼𝗻 𝟭𝟳𝟵 𝗣𝗲𝗿𝘀𝗼𝗻𝗲𝗻 𝘀𝘁𝗲𝗵𝘁 𝗵𝗶𝗲𝗿𝘂𝗺 𝗲𝗶𝗻𝗲 𝗥𝗲𝗱𝗲 𝘂̈𝗯𝗲𝗿 𝗱𝗶𝗲 „𝗦𝗰𝗵𝗼̈𝗻𝗵𝗲𝗶𝘁 𝗱𝗲𝗿 𝗵𝗮𝗿𝘁𝗲𝗻 𝗔𝗿𝗯𝗲𝗶𝘁“ 𝘇𝘂 𝗵𝗼̈𝗿𝗲𝗻𝗕𝗲𝘃𝗼𝗿 𝘀𝗶𝗲 𝘀𝗰𝗵𝗹𝗶𝗲ß𝗹𝗶𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗻 𝗖𝗵𝗮𝗿𝘁𝗲𝗿𝗳𝗹𝘂𝗴 𝘃𝗼𝗻 𝗛𝗼𝘁𝗮𝗻 𝗶𝗺 𝗦𝘂̈𝗱𝘄𝗲𝘀𝘁𝗲𝗻 𝘃𝗼𝗻 𝗫𝗶𝗻𝗷𝗶𝗮𝗻𝗴 𝗻𝗮𝗰𝗵 𝗙𝘂𝗷𝗶𝗮𝗻 𝘂𝗻𝗱 𝗚𝘂𝗮𝗻𝗴𝘅𝗶𝗮𝗻𝘁𝗿𝗲𝘁𝗲𝗻𝘂𝗺 𝗱𝗼𝗿𝘁 𝗮𝗻 𝗔𝗿𝗯𝗲𝗶𝘁𝘀𝗽𝗿𝗼𝗴𝗿𝗮𝗺𝗺𝗲𝗻 𝘁𝗲𝗶𝗹𝘇𝘂𝗻𝗲𝗵𝗺𝗲𝗻.

 

„Das Hauptziel besteht darin Menschen aus ihren Heimatstädten zu entfernen; sie von ihrer Familie zu isolieren, sie zu entwurzeln und ihnen die Flucht zu erschweren und ihre Bewegung einzuschränken“, sagte Vicky Xiuzhong Xu, die Hauptautorin des australischen Berichts, während eines Zoom-Anrufs. 

 

„Sie werden stärker abhängig von den Arbeitsvereinbarungen gemacht, die ihnen zugewiesen werden. Dies ist ein Teil der Bemühungen der Umerziehungskampagne.“

 

Mitte Juni unterzeichnete US-Präsident Donald Trump ein Sanktionsgesetz über Chinas Behandlung der uigurischen Muslime in Xinjiang. Die neue Gesetzgebung wurde kurz nach durchgesickerten Auszügen aus einem neuen Buch des ehemaligen US-Nationalen Sicherheitsberaters, John Bolton eingeführt, in dem behauptet wurde, Trump habe Präsident Xi gesagt, er solle den Bau von Gefangenenlagern in der Provinz „vorantreiben“.

 

In der Zwischenzeit überwacht Zumret Dawut weiterhin Douyin und sucht nach weiteren Beweisen dafür, dass China ihr Volk unterdrückt. Sie denkt viel über die chinesische Version von „Bella Ciao“ nach, die in so vielen Videos zu hören ist. 

 

Einst eine Hymne für Landarbeiter, die gegen die rauen Bedingungen auf den Reisfeldern Italiens im 19. Jahrhundert protestieren. Der Liedtext enthält eine Zeile, die übersetzt lautet: „Der Tag wird kommen, an dem wir alle in Freiheit arbeiten werden.” „Dies ist eine Botschaft an unser Volk”, sagte Dawut. „Vergisst uns nicht.”

 

Quelle: codastory